Von Wolfgang Blum

Die rätselhafte Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern in der niedersächsischen Elbmarsch sei endlich geklärt. Meldungen dieser Art geisterten in den letzten beiden Wochen – wieder einmal – durch die Presse. Zu Unrecht, denn von einer Lüftung dieses Geheimnisses kann nicht die Rede sein. Binnen zwei Jahren erkrankten sechs der 1400 Kinder unter 15 Jahren, die in der Elbmarsch leben, an Blutkrebs. Damit ist die Leukämierate dort 85mal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Der Grund dafür scheint naheliegend: In der Umgebung befinden sich das Atomkraftwerk Krümmel sowie zwei nukleare Forschungsreaktoren. Aber auch im niedersächsischen Sittensen starben in drei Jahren sechs Kinder dieser Altersgruppe an Leukämie. Und dort gibt es keine kerntechnischen Anlagen. Woher rühren also die seltsamen Häufungen in bestimmten Regionen?

Bereits im Mai 1990 gründete die Landesregierung Niedersachsens eine Expertenkommission, die sich mit dieser Frage beschäftigt. Letztes Jahr zog Schleswig-Holstein nach und berief ebenfalls Fachleute. Aus den beiden Kommissionen, die meist gemeinsam tagen, drangen nun zwei Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Beide sind allerdings – gelinde gesagt – heftig umstritten. Der Hamburger Strahlenbiologe Horst Jung etwa redet von "echter Volksverdummung" und unterstellt den Beteiligten, sie würden "ihren Professorentitel benutzen, um Politik zu machen".

Worum geht es? Zum einen berichtete der Kieler Toxikologe Otmar Wassermann von vier angeblich neu entdeckten Leukämiefällen in der Nähe des Atomkraftwerkes Brokdorf. Zum anderen präsentierten zwei Wissenschaftler "Indizien" für bislang nicht registrierte radioaktive Gase in der Elbmarsch: Edmund Lengfelder aus München und Heiner von Boetticher aus Bremen untersuchten unabhängig voneinander Scheiben, die aus Bäumen in der Umgebung von Krümmel herausgeschnitten wurden. Beide schliffen die Baumscheiben glatt und legten einen Röntgenfilm darauf. Nach einiger Zeit – ihren Angaben zufolge zwischen einer Woche und neun Monaten – entstanden auf den Filmen schwarze Flecken. Diese können viele Ursachen haben: Feuchtigkeit oder Druck auf der entsprechenden Stelle oder aber radioaktives Material im Holz. "Nach verschiedenen Untersuchungen – auch von Bäumen aus anderen Regionen – deutet vieles auf Tritium hin", urteilt der Strahlenphysiker Boetticher. Tritium ist wegen der geringen Reichweite seiner Strahlung von den 2000 Meßstellen in Deutschland nicht zu erfassen. Die Schwärzungen ordnen die beiden Wissenschaftler den Jahresringen 1986 bis 1988 zu. Für sie stellen ihre Arbeiten ein Indiz für einen vertuschten Unfall in einer der atomaren Anlagen dar.

Einige ihrer Kollegen sehen das jedoch anders. Als primitiv bezeichnet etwa Horst Jung die Untersuchungsmethode von Lengfelder und von Boetticher. Sie erlaube lediglich, "einigen Hokuspokus in den Medien zu veranstalten". Jung verweist auf Arbeiten, die das radiologische Institut der Technischen Universität München im Auftrag der Kommissionen durchgeführt hat. Auch dort haben Wissenschaftler Holz aus der Elbmarsch untersucht. Mit einem aufwendigen Analyseverfahren, das verläßlichere Ergebnisse liefert als schwarze Flecken auf Röntgenfilmen, konnten sie keine erhöhte Radioaktivität feststellen.

"Die haben ja auch nicht einzelne Jahresringe untersucht", kontert Boetticher. Das Entscheidende an den neuen Resultaten sei, daß sie Hinweise auf überdurchschnittlich viel Tritium in bestimmten Jahren lieferten. Und zeitliche Unterschiede hätten die Münchner Radiologen gar nicht beachtet. Ist also ein Unfall in einer kerntechnischen Anlage für die hohe Leukämierate verantwortlich? Selbst wenn durch Unregelmäßigkeiten vermehrt Tritium in die Umgebung gelangt sein sollte, erscheint das vom derzeitigen Kenntnisstand der Wissenschaft unwahrscheinlich. "Um eine Häufung von Erkrankungen wie in der Elbmarsch zu bewirken, bräuchte es schon einen Störfall mindestens der Größenordnung Tschernobyl", sagt Jörg Michaelis, Leiter des bundesweiten Kinderkrebsregisters in Mainz, "und daß eine solche Katastrophe in Deutschland unbemerkt bliebe, ist wohl ausgeschlossen."

Michaelis hatte im Februar dieses Jahres die bisher umfangreichste Studie in Deutschland über Leukämie bei Kindern in der Nähe von Atomkraftwerken veröffentlicht. Diese ergab keinen Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang. Für Otmar Wassermann liegt das aber nur daran, daß sie "mangelhaft ist". Ein Beispiel dafür seien vier Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Atomkraftwerkes Brokdorf, die in ihr nicht auftauchten. Einzelheiten darüber gab der Kieler Toxikologe zwar der Presse bekannt. Michaelis selbst erhielt jedoch auch nach Anfrage keine Auskünfte. Mittlerweile konnte der Epidemiologe drei der vier Fälle recherchieren: Zwei Erkrankungen traten vor der Inbetriebnahme von Brokdorf im Jahr 1986 auf und gingen deswegen nicht in die Studie ein. Ein weiterer Betroffener war älter als 15 Jahre, und das Mainzer Krebsregister erfaßt nur Kinder unter 15 Jahren. Den vierten Fall konnte Michaelis bisher noch nicht eindeutig klären.