RTLplus, werktags: Gottschalk

Vor einem Jahr mußte man befürchten, daß der mit Maskottchen Gottschalk für die Sendung "Gottschalk" werbende Entertainer Gottschalk dem Publikum allmählich zum Hals raushängen und deshalb mit einer täglichen Show einbrechen würde. Zumal sein wöchentlicher Auftritt in der Sendung "Gottschalk" (RTLplus) erwiesen hatte, daß dem großen Blonden nichts mehr einfiel. So wenig animiert peitschte er die Minuten eines Mädchen- und Musikprogramms über den Sendeplatz, daß die Kritikerin während des letzten Werbeblocks zu sich selber sagen konnte: Gleich ist Schluß, und es gibt nur einen, der darüber froher ist als ich: Gottschalk.

Allen Warnungen zum Trotz startete der Megastar im Herbst dieses Jahres seine tägliche Show. Sie läuft um 23.15 Uhr, weshalb eine gute Entschuldigung bereitliegt, falls die Einschaltquoten der riesigen Werbeblöcke nicht mehr Herr werden. Die Premiere vor acht Wochen gab den Schwarzsehern recht. Ein nervöser Gottschalk ging dem Publikum mit überzogenen Komplimenten um den Bart: "Es gibt ungeheuer viel Genie in Deutschland, das verschüttet ist", und täuschte nicht sehr überzeugend Interesse für eine Familie Kaltenegger aus Icking vor, mit der er sich per Monitor unterhielt. Die beiden ersten Genies, die in der Show auftraten, zwei Amerikaner, die ihre Zungen in erstaunliche Schleifen zwirbeln konnten, wurden vom Showmaster derartig barsch herumkommandiert, daß man sich fragte, warum sie nicht das Naheliegende taten und ihre kunstfertigen Organe dem Zuchtmeister einfach lang rausstreckten. Auch machte Gottschalk den Fehler aller Fernsehfuzzis, der nur deshalb diesen selbst nicht auffällt, weil er zu naheliegt: Er lud ausschließlich Fernsehfuzzis ein. Daß Inzucht Idiotie heckt, belegt kein Beispiel so schlagend wie Showmaster,die Schlagersternchen, und Moderatoren, die Fernsehansager interviewen. Gottschalk hatte seinen "Wetten, daß"-Vorgänger Elstner und seinen Nachfolger Lippert geladen und konnte, selig vor lauter Familienglück, nur seufzen: "Wir hätten ‚Wetten,daß‘ zusammen machen sollen..." Ein gütiger Gott begabte das Saalpublikum mit Vernunft, und so lachte kaum einer.

Dieser Einstand war mißlungen, und die Kritikerin hatte keine Lust auf mehr. Die Pflicht aber nötigte sie und lehrte sie, daß man nicht vorschnell urteilen darf. Gottschalks Late-Night-Show hat sich zu einer annehmbaren Talk-Stunde herausgemacht, dank der aparten Strategie: Flucht ins Niveau. Der populistische Unsinn ist abgemeldet, die Inzucht auf das unter Fernsehfuzzis unabdingbare Minimum heruntergefahren. Ein entspannter Gottschalk, prachtvoll onduliert und spitzbübisch lächelnd, parliert mit Menschen aus aller Welt, darunter immer öfter solchen aus Politik und Zeitgeschehen. Auf dem roten Sofa mit Panoramablick über das nächtliche München sitzen Jutta Ditfurth, Hannelore Kohl, Peter Scholl-Latour und Heinz G. Konsalik; ein leibhaftiger Literaturpapst (Marcel Reich-Ranicki) empfiehlt Bücher, und Hellmuth Karasek bespricht Filme. Dieser Übergriff auf das Personal des "Literarischen Quartetts" zeigt, wohin Gottschalks nächtliche Reise gehen könnte: zu den Gedanken, da, wo sie im Gespräch auftauchen und Spaß und Spannung zeugen.

Barbara Sichtermann