Von Maria Ridder

Als schwangere Ärztin im Angestelltenverhältnis unterliege ich dem Mutterschutzgesetz und darf nicht mehr an besonders gefährlichen beziehungsweise gefährdeten Plätzen arbeiten. Ich war bislang auf der geschlossenen psychiatrischen Station eingesetzt, das Gewerbeaufsichtsamt (GAA) forderte meine Versetzung auf eine offene Station – gegen meinen Willen und gegen den Wunsch aller meiner Mitarbeiter.

Auf der geschlossenen Station aber bin ich gar nicht mehr als sonstwo in der Klinik gefährdet, da ich dort drei Kollegen und pflegerische Mitarbeiter hätte, die mir die Arbeit mit "gefährlichen" Patienten abnehmen könnten. Es kommt ohnehin nur selten vor, daß Patienten wirklich aggressiv sind, und gefährlich ist das nur, wenn unerwartet. In dem Falle könnte ich mich auf einer offenen Station als alleinige ärztliche Mitarbeiterin und mit höchstens zwei Pflegekräften viel weniger schützen, zumal dort mein Arztzimmer jedem zugänglich mitten auf der Station ist, während es auf der geschlossenen in einem separaten, ohne Schlüssel unzugänglichen Trakt ist.

So argumentierte ich vor dem GAA. Das schloß sich mit der Konsequenz an, daß nun keine schwangere Frau mehr in einer psychiatrischen Klinik mit Patienten arbeiten dürfe. Wie soll das nur bei wachsendem Pflegenotstand gehen? Werden Krankenschwestern in der Psychiatrie demnächst gefragt, ob sie ihr Kind auch wirklich wollen? Ärztinnen werden einfach keine Stellen mehr bekommen. Wann wird man schwangeren Lehrerinnen verbieten, Schulklassen mit Halbwüchsigen zu betreten oder auf dem Schulhof Aufsicht zu führen?

Angenommen, dies ist nur die Entscheidung von inkompetenten Mitarbeitern eines einzelnen GAAs, die unsere psychisch Kranken zu unberechenbaren Dämonen machen, so bleibt doch empörend, wie sehr diese "Schutzbestimmungen" in der Lage sind, mir jedes Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen. Manche meinen, eine so strenge Durchführung des Mutterschutzgesetzes sei nötig, damit schwangere Frauen nicht von ihren Arbeitgebern über Gebühr belastet oder ausgenutzt werden können. Immerhin: Schwangere Frauen dürfen keine Fließbandarbeit verrichten – es sei denn, im Betrieb ist keine andere Arbeit möglich. Auch dürfen sie sechs Wochen vor der erwarteten Entbindung nicht mehr beschäftigt werden – es sei denn auf ausdrücklichen eigener. Wunsch. Wer schützt sie davor, von ihrem Arbeitgeber unter Druck gesetzt zu werden?

Ich habe mir ausgesucht, in einem Betrieb zu arbeiten, in dem es für mich nur die Arbeit auf einer psychiatrischen Station gibt. Ich habe keine Angst vor meinen Patienten. Sonst hätte ich meinen Beruf nicht ergriffen und wäre vielleicht jetzt Verwaltungsangestellte im GAA. Angst vor Infektionen (auch davor will man mich schützen) habe ich vielmehr, wenn ich wie ein Hering gequetscht in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit gekarrt werde; ganz zu schweigen von Angst vor manch dubiosen Gestalten in abendlicher S-Bahnhöfen. Wer schützt mich denn davor? Wer schützt mich davor, im Urlaub Klettertouren mil Rucksack zu unternehmen? Kurzum: Ich fühle mich gegängelt, nicht geschützt.

Eine Schwangerschaft wird als Krankheit betrachtet. Ich bin aber nicht krank. Was mir jetzt schwerfallen würde (zum Beispiel nach einem normalen Arbeitstag Nachtdienst mit maximal zwei Stunden Schlaf und anschließend normalem Tagdienst mit abendlichem open end) ist mir schon immer sehr schwer gefallen und auch für meine nicht schwangeren Kollegen eine schamlose Zumutung. Ich fühle mich kaum schutzbedürftiger als sonst und hasse die Idee, daß meine "generativen Pflichten", wie sich neulich ein Kollege ausdrückte, überwacht werden. Damit ich einen künftigen Rentenzahler nicht gefährde? Meine Rente wird eher geringer. Pflichten habe ich gar keine gegenüber einer Gesellschaft, die keine Anstrengungen macht, mir meine gesellschaftliche Stellung gleichberechtigt zu der eines Mannes zu erhalten.