Von Benjamin Henrichs

Zwischen drei zänkischen Göttinnen muß der holde Jüngling wählen – der Ausgang der Affäre ist weltbekannt. Das Urteil des Paris und seine Folgen. Brand und Untergang Trojas. Leiden und Irrfahrten des Odysseus. Mord und Wahnsinn im Atridenhaus. Wahrlich, besser wäre es für den Jüngling gewesen, er wäre den Göttinnen niemals begegnet.

Aber was sind schon die Nöte des Trojaners Paris, verglichen mit den Höllenqualen seines türkischen Landsmannes Ali aus Smyrna. Der muß nicht zwischen drei Göttinnen wählen, sondern, weit schlimmer: zwischen drei Künstlerinnen, Göttinnen des Gesangs, Primadonnen. Lucrezia aus Florenz, Tognina aus Venedig, Annina aus Bologna. Jede von ihnen will und muß die Erste, Schönste und Beste sein – und das mit vollem Recht. Aber wer, beim Himmel, soll dann die zweiten Rollen singen oder gar die dritten?

Am Anfang ist Ali in jede der drei Goldkehlen kopfüber und rasend verliebt. Am Ende möchte er sie nur noch erschlagen. Aber weil er ein herzensguter Mann ist, nimmt er einfach vor ihnen Reißaus. Besser wäre es für den Türken gewesen, er wäre den Sängerinnen niemals begegnet.

Ali ist ein vermögender Herr aus Smyrna. Wie fast alle Kaufleute hat er nicht nur eine Krämer-, sondern auch eine Künstlerseele. Also faßt er den edlen Entschluß, seiner Heimatstadt eine Oper zu schenken. Die hierfür leider notwendigen Opernkünstler will er in Venedig engagieren, der schönsten aller Städte. Aber seltsam, Ali fühlt sich überhaupt nicht wohl: "Hier sein muffig Loch. Ick haß Zimmer, ick haß Haus, ick haß ganz Stadt. Ungesund Dorf! Ekelhaft Stadt! Bös Stadt! Gefährlich Stadt!"

So ähnlich wie der Operndirektor aus Smyrna könnte auch ein gewisser Burgtheaterdirektor aus Wien reden. Deshalb ist es völlig natürlich und logisch, daß nun Claus Peymann Alis Geschichte entdeckt und inszeniert hat: "Der Impresario von Smyrna" heißt die Komödie, ihr Autor Carlo Goldoni.

Ali haut ab, ihm ist das Lachen vergangen. Weil aber nun Claus Peymann mit Goldonis Komödie, mit Alis Geschichte (und Peymanns Geschichte) einen wahren Burgtheatertriumph errungen hat, könnte er sich aus dem bekannten Burgtheater- und Direktorenelend wieder einmal lachend befreit haben. Und nicht abhauen, sondern eine hübsche Weile bleiben. Zehn Jahre dauerte der Kampf um Troja, sieben Jahre ist Peymann in Wien.