Lange sieht es so aus, als wollte Peymann Goldonis Komödie mit einem Neunzehntelernst absolvieren – den letzten Schritt zum Wahnsinn (der ein Wahnwitz wäre) scheint er zu scheuen. Nicht rachsüchtig, sondern nachsichtig blickt er auf das singende, schreiende Elend der Theaterwelt – nicht als strafender Gott, sondern als Mitschuldiger, als Komplize. Als Väterchen, das in seinen Künstlern lieber die Kinder sieht als die Monster.

Nun muß etwas passieren, damit im Wiener Burgtheater nicht bloß ein ironisches Theater- und Vorweihnachtsmärchen zur Aufführung gelangt. Der Türke muß kommen! Ali ist da! Die zehrenden Primadonnen und die darbenden Tenöre kann er nicht retten. Aber das Burgtheater bringt er gewaltig in Fahrt.

Dabei ist Thomas Thieme erst einmal des kindischen Spektakels kindischster Akteur. Ein Kirmes-, ein Schmierentheatertürke mit Bauch und Fez und unendlichem Schnurrbart. Kopfreißen, Augenrollen, Zähnefletschen. Geil nach den Opernweibern gaffen. Aber in dieser albernen Figur steckt eine zweite (und dritte). Ein Menschenfresser. Ein Schreckensherrscher aus der Welt der Tragödie. Ein Weiser aus dem Morgenland. Und zuletzt: der ärmste aller Teufel. Ein halsbrecherischer, ein schwindelerregender Auftritt.

Ali hat einen Traum vom Theater. Das Theater, glaubt er, ist ein Reich, in dem der Gesang niemals aufhört und die Sonne nicht untergeht – und er möchte in diesem Reich der König sein. Daß er nicht genau weiß, was eine Oper ist, daß er in jeder Sängerin auch eine Haremsdame erblickt, in jedem Tenor auch einen Eunuchen, macht seinen Theatertraum erst brisant.

Dritter Akt, erstes Finale, Alis Alptraum. Alle marschieren auf, die er nach Smyrna mitnehmen und dort mästen soll. Primadonnen und Tenöre. Bühnentechniker, Orchestermusiker, Ballettmädchen. Drei Logenschließer in den berüchtigten, auch nach sieben Peymann-Jahren immer noch kackbraunen Burgtheateruniformen. Und der wichtigste Mann des ganzen Theaters: der Claqueur. Es ist entsetzlich, und zum Glück ist jetzt Pause.

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Was die schönen Damen angeht, ist Ali schnell geheilt: Seine Wollust wächst zur Mordlust, seine Mordlust schrumpft zur Unlust. Nichts wie weg aus Venedig, auch in der Türkei gibt’s herrliche Frauen!