Von Michael Schwelien

Thessaloniki/Athen

Eugenia Koukoura, staatlich anerkannte Fremdenführerin, geht ein wenig in die Knie. Sie holt tief Luft, schnellt hoch wie ein Boxer aus der Hocke und führt mit der Faust einen angedeuteten Schlag in die Magengrube. Der Hieb soll sitzen: "Dies ist der Helm von Philipp II., dem Vater Alexanders des Großen. Die Franzosen haben die Form des Helms übernommen – aber sie nennen sich deswegen doch nicht Mazedonier." Wumm.

Frau Koukouras Geschichtsstunde im Archäologischen Museum von Thessaloniki gerät zu einer einzigen Anklage gegen die frechen Usurpatoren der völkerrechtlich bisher nur von Bulgarien, der Türkei und einem halben Dutzend anderer Staaten anerkannten, ehemals jugoslawischen Republik Mazedonien.

Da, bitte, 158 Namenszüge auf Grabstätten, alle in altgriechischer Schrift. Leda und der Schwan als Verzierung auf diesem bronzenen Dreifuß – was könnte überzeugender sein? Leda war ein Symbol der Dorier, also muß Mazedonien hellenistisch, kann gar nicht slawisch gewesen sein. Totenmasken, Grabschmuck – alles hellenistisch. Die mazedonischen Frauen wurden so bestattet, daß sie nach Osten schauten, die Männer nach Westen: "Keiner blickte je nach Norden." Homer, auch das weiß Frau Koukoura, schrieb von den Mazedoniern als großen Menschen: "Also kamen sie vom Peloponnes." Dort, schauen Sie hin, die Sonne von Vergina auf der massiv goldenen Urne von Philipp II., dieses wahrhafte Symbol des hellenistischen Mazedonien, diese Sonne mißbrauchen die "Skopjaner" als Staatswappen. Unglaublich! "In Skopje sprechen sie nämlich einen bulgarischen Dialekt."

Der Namensstreit, über den das EG-Mitglied Griechenland die Anerkennung des winzigen Staates durch die Gemeinschaft blockierte, hat sich von einer balkanischen Kleinkomödie zum nationalpopulistischen Drama gemausert. Die klassische Konstellation: Schicksalhaft und unausweichlich treiben die Akteure auf den Abgrund zu. Früher, als Jugoslawien noch intakt, militärisch mächtig und als Doyen der Blockfreien auch politisch gewichtig war, wußte Athen sich zu arrangieren. Teilrepublik Mazedonien, na und? Geschäftssinn obsiegte über den hellenistischen Stolz. Schließlich führte entlang des Flusses Axios, den sie weiter oben Vardar – "Wag es nicht" – nennen, Griechenlands wichtigste Handelsroute, die Ader nach Westeuropa. Auf Schiene und Straße liefen mehr als die Hälfte der griechischen Warentransporte in die anderen EG-Länder.

Heute aber – da der Krieg ohnehin lange Umwege für den Handel nötig macht – mag keiner mehr ein Auge zudrücken. Die nationale griechische Fluggesellschaft, Olympic Airways, appelliert an ihre Gäste mit Aufklebern: "Studiere die Geschichte! Mazedonien ist griechisch. War es immer und wird es immer bleiben."