Ich bin der Kellner Wenzel von der Wirtschaft "Zum Deutschen Adler" in Bistrup. Der Stammtisch da drüben mit dem Reichskriegswimpel gehört zu meinem Revier. Bevor er von den Medien zum Deutschen Stammtisch 1992 erklärt wurde, war das ein ganz alltäglicher Stammtisch. Nun aber drücken sich die Reporter die Klinke in die Hand. Auch das Fernsehen hat uns schon oft die Ehre gegeben.

Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, sind sie an den politischen Ansichten der Stammtischgäste interessiert.

Dazu muß ich Ihnen ein offenes Geheimnis verraten: Dort drüben im Nebenzimmer versammelt sich regelmäßig am Stammtischabend die Politikprominenz – der Kohl, der Engholm, der Lambsdorff und der Stoiber – und läßt sich von mir brühwarm über die Tendenzen und Wünsche der Stammtischbrüder informieren, nach der Devise: Was der Stammtisch Bistrup wünscht, ist Bonn Befehl.

Üblicherweise berichte ich den Herren, daß man am Stammtisch "Deutschland den Deutschen" fordert und von einem neuen Führer träumt, zumindest von einem deutschen Haider, und daß die Politiker in Bonn alles Verbrecher und Idioten sind.

Ferner fordern sie, daß wir die gute deutsche Mark behalten und keinen Euro-Ecu-Salat bekommen. Denn der Stammtisch will, daß wir Deutschen nicht der Zahlmeister Europas sind. Er fordert darüber hinaus, daß mit der Kriminalität bei uns endlich aufgeräumt wird, damit die deutsche Frau wieder nachts auf der Straße verkehren kann. Den Ausländern soll die Sozialhilfe gestrichen werden, und das Grundrecht auf Asyl soll ganz aufgehoben werden, damit wir dieses, wie sie sagen, "Pack" vom Halse haben.

Aber damit gibt sich unser Stammtisch nicht zufrieden. Nach der fünften Maß gehen sie noch einen Schritt weiter und schreien nach Dämmen gegen die Ausländerflut, und zwar in Form eines Schutzwalls an unserer Ostgrenze, einer "Festung Deutschland" mit Stacheldrahtverhau, Wachtürmen und Selbstschußanlagen.

Als ich diese radikalen Forderungen den Herren im Nebenzimmer übermittelte, waren sie erst sprach- und ratlos. Dann faßte sich als erster Stoiber. Diese Lösung, sagte er, solle man wohl erwägen. Wenn sich die anderen verweigern, müsse die CSU im Alleingang aktiv werden. Sonst würden die Republikaner davon profitieren. Kohl rief: Nur über meine Leiche oder nur mit der FDP; Lambsdorff warnte davor, das Grundgesetz auszuhöhlen, außer wenn die Existenz der FDP auf dem Spiel steht.

Engholm schmauchte nachdenklich sein Pfeifchen und wiederholte seinen Satz vom SPD-Sonderparteitag: Man muß dem Stammtisch von Bistrup aufs Maul schauen.