Von Peter Unfried

Willkommen in Stuttgart, willkommen in der Provinz! Erstens sind die begehrten Attribute der Weitläufigkeit längst anderen in den Schoß gefallen, und zweitens braucht die Republik heute mehr denn je Provinzdeppen, die ihre Zeit zum Schaffen nützen und nicht mit Leben vergeuden. Und wer würde bestreiten, daß in Stuttgart geschafft wird, was das Zeug hält? Immer noch. Und nicht irgendwas!

Qualität produziert man, in Zuffenhausen draußen bei Porsche, in Feuerbach bei Bosch und in Untertürkheim „beim Daimler“ sowieso. Der gute Stern, der auf dem Hauptbahnhof im Herzen der baden-württembergischen Landeshauptstadt thront, ist von überall zu sehen und gibt bei Tag und Nacht die Richtung an.

Also am besten gleich weiter nach München oder Frankfurt? Oooch, das nun auch wieder nicht. Und was ist schon ein Wochenende, wenn man sich schon mal am Hauptbahnhof befindet, zumal es dort seit einiger Zeit so richtig sauber ausschaut.

Ohnedies sind es nur ein paar Schritte ins sogenannte Herz der Stadt. Man braucht lediglich die unterirdische Klett-Passage zu durchqueren, deren Läden aufrührerischerweise bis 22 Uhr geöffnet haben, und schon ist man auf der Königstraße, Einkaufsstraße und Hauptschlagader der Stadt. Jene einmal raufzustiefeln ist genauso Pflicht wie am oberen Ende dann ein kurzer Abstecher in Süddeutschlands möglicherweise größten Tonträgerladen, weil man ohne die omnipräsente blau-weiß-rote Plastiktüte in der Hand gar nicht wieder runterlaufen darf.

Das Verbum „laufen“ benutzt der Stuttgarter übrigens anstelle des hochdeutschen „gehen“, was aber nicht bedeutet, daß es sich um Synonyme handelte. Der Stuttgarter geht zwar, wenn er sagt, er laufe, aber er geht geschäftig. Typisch für den Schwaben? Vorsicht: Der Stuttgarter ist kein Schwabe, er ist etwas Besseres, drum „schwätzt“ er auch feinstes Honoratiorenschwäbisch.

Beim Breuninger, am Marktplatz, wo unterirdisch der Nesenbach fließt, kauft der Stuttgarter seine Kleider. Nur am Samstag nicht, wenn die Stadt überfüllt ist mit der „Bagasche“ vom Land. Schräg gegenüber steht das Rathaus, wo Manfred Rommel residiert. Der lispelnde Spaßvogel, Oberbürgermeister seit fast zwanzig Jahren, firmiert auch heute noch unter „em Wüschtafux sei Jonger“, gilt allgemein als knitz (deutsch: verschlagen im allerbesten Sinne) und ist daher höchst beliebt. „Wenn i mi reda hör, fühl i mi guat onderhalta“, hat er einmal weise festgestellt, womit er bei den Stuttgartern auf begeisterte Zustimmung stieß. Auch steht er für Kontinuität: Nach Arnulf Klett ist er erst der zweite Oberbürgermeister seit dem letzten Weltkrieg.