Von Norbert Kostede

Mölln

Es war einmal eine alte Stadt. Da lebten 17 500 Deutsche unter 650 Ausländern und fürchteten sich. Wenn jeder vierundzwanzigste ein Fremder ist und Ali heißt oder Yeliz, was bleibt da von der lieben Heimat?

Plötzlich, in einer Novembernacht, brennen zwei Häuser. "Ich hörte die Türken schreien", sagt die Wirtin vom "Weißen Roß": "Vom Schlafzimmerfenster aus sah ich hinüber." Viele stehen in dieser Nacht an Fenstern und auf nassen Bordsteinen und sagen: "Entsetzlich" – "Welche Schande". Einige meinen sogar: "Das sind doch gar keine Asylanten."

Als der Tag anbricht, ist die Hölle los. "Telekom – Worldwide – Via Satellite", buchstabiert der Apotheker die Aufschrift auf einem riesigen Fahrzeug in der Hauptstraße. Hunderte von Reportern hetzen durch die Stadt. Immer wieder erstrahlen die beiden Brandfassaden in grellem Scheinwerferlicht – "Kamera läuft, Ton ab!"

Abends ziehen Demonstranten durch die Stadt. Die einen, schweigend und mit brennenden Kerzen in der Hand, gehen zur Nicolaikirche hinauf, wo sie aus dem Evangelischen Kirchengesangsbuch das Lied Nummer 118 singen: "Aus tiefer Not laßt uns zu Gott von ganzem Herzen schreien." Die anderen Demonstranten marschieren mit erhobener Faust durch kalte Straßen und schreien tatsächlich: "Ob Ost! Ob West! Nieder mit der Nazi-Pest!"

Als St. Nicolai zur nächsten Mitternacht geschlagen hat, ist es wieder still über den Giebeln der Fachwerk- und Backsteinhäuser. "Scheiß Kabelsalat", flucht ein Techniker im Übertragungswagen. Auf dem Marktplatz pinkelt ein Straßenköter abgebrannte Wachsfackeln an. Kemal Arslan, ein 25jähriger Türke, sitzt hinter der Haustür in der Seestraße 22. Seine Frau und die fünf Kinder schlafen hinten im Wohnzimmer – sprungbereit, in Tageskleidung.