Von Willi Germund

Selbst an gewöhnlichen Tagen legt Ivan Wert auf ein makelloses Äußeres: ein leichter, modisch geschnittener Anzug, ein beiges, mit Goldbrokat verziertes Hemd und polierte schwarze Lackschuhe, von denen er immer wieder die Dreckspritzer abtupft. "Ich muß Wasser holen", entschuldigt sich der 37jährige höflich bei seinen Besuchern, schwingt sich in seinen vollklimatisierten Geländewagen, dreht die Stereoanlage auf und prescht über die vom Regen aufgeweichten Lehmstraßen hinunter zum Fluß.

Fließendes Wasser dürfte der einzige Komfort sein, an dem es in der verschachtelten Hütte im Elendsviertel der nordangolanischen Stadt Cafunfo mangelt. Das Wohnzimmer, ausgestattet mit weinroten Plüschsesseln, Veloursteppichen und Ventilatoren, wird beherrscht von einem riesigen Farbfernseher samt Videoanlage. In der Ecke brummt ein Generator. Nachdem die Wasservorräte aufgefüllt sind, beginnt Ivan sein Tagwerk. "Je fais la business", sagt er. Hier, im Elendsviertel Bala-Bala, kennt jeder dieses Geschäft: Diamantenhandel.

Bis zu 250 000 US-Dollar setzen Händler wie Ivan pro Tag um – sehr zum Leidwesen des südafrikanischen Konzerns De Beers. Dessen Central Selling Organisation (CSO) in London wickelt bisher achtzig Prozent des Handels mit Rohdiamanten ab. Doch die Konzernleitung sorgt sich: Wegen des Diamantenrauschs am Cuango-Fluß an der Nordgrenze zu Zaire droht dem letzten Rohstoffkartell der Erde die Kontrolle über den Welthandel zu entgleiten.

In Ivans Wohnzimmer wartet an diesem Morgen bereits ein drahtiger junger Mann und fischt ein kleines Plastikbeutelchen aus dem Hosenbund. Er schüttet murmelgroße Rohdiamanten auf den Tisch. Ivan brummt skeptisch; das gehört zum Geschäft. Die breiten Goldarmbänder an seinen Handgelenken klimpern, als er die Steine gegen das Licht hält und sie durch eine Lupe begutachtet. Er schüttet die "Tränen Gottes" auf eine elektronische Waage, dann flitzen die Finger mit den goldenen Siegelringen über die Tasten eines Taschenrechners.

7000 Dollar bietet Ivan schließlich, sein Lieferant verlangt 13 000. Nach einigen Minuten einigen sich beide auf 10 000. Ivan erhebt sich, gräbt mit der Hand in der Hosentasche, holt ein Bündel Scheine heraus und zählt den Preis in nagelneuen Hundertdollarnoten ab. "Mein Tarif liegt zwischen 200 und 300 Dollar pro Karat", erklärt der Händler. Wie der im Nachbarland Zaire aufgewachsene Ivan profitieren Dutzende von Aufkäufern in Bala-Bala vom Diamantenrausch am Cuango-Fluß. "Das Geschäft mit den ‚Mondsplittern‘ geht gut", gibt Ivan zu. Der Besucher erkennt es unter anderem an den teuren Geländewagen, die vor den Lehmhütten von Bala-Bala stehen.

Zehntausende von Garimpeiros, Diamantenschürfern, graben mit Hacken und Schaufeln an den Ufern des entlegenen Flußes und verkaufen ihre Funde an Zwischenhändler wie Ivan. Ausgelöst wurde der Run auf die unzugängliche Gegend im afrikanischen Busch durch ein Gesetz der angolanischen Regierung. Sie legalisierte den Besitz von Diamanten in der Hoffnung, die Angolaner würden ihre heimlich angelegten Vorräte dann verkaufen. Statt dessen strömten 50 000 Garimpeiros an den Cuango-Fluß, um zu schürfen. Laut De Beers erreichen wöchentlich Steine im Wert von sechs Millionen Dollar aus Angola den freien Markt auf dem "Diamantkring" im belgischen Antwerpen. De Beers kauft sie auf, um den Weltmarktpreis stabil zu halten.