Von Helmut Schödel

In einem Wiener Fernsehstudio saß Frau Feltrinelli aus Mailand, die Verlegerswitwe als Verlagschefin. Sie war in Leggings gekommen, hatte sich ihre Brille in die Frisur gesteckt, wirkte distinguiert – und auf großzügige Weise charmant. Es war dieser Charme, der aufkommt, wenn sich die Halbwelt für das Ganze hält. Im Fauteuil ihr gegenüber saß eine biedere Interviewerin und befragte Frau Feltrinelli über ihren Verlag und die österreichische Literatur. Daß Handke in Italien nicht bei Feltrinelli erscheint, beklagte die Verlegerin als Mißgeschick und Versäumnis und nannte andere Namen, an zweiter Stelle: Franz Innerhofer.

"Der Emporkömmling", sein letzter Roman – das war 1982! Innerhofer schreibe nicht mehr, hieß es seit Jahren, und doch war er nicht vergessen, blieb er uns im Gedächtnis als "österreichischer Elendsrealist". Sein erstes Buch war sein größter Erfolg und ein Höhepunkt der kritischen Heimatliteratur in den siebziger Jahren: "Schöne Tage", der Roman einer schrecklichen Kindheit auf einem finsteren Bauernhof in einer tiefen Provinz, irgendwo zwischen Zell am See und dem Großvenediger. In Italien mochte man "Dei Tempi", wie Innerhofers Roman in der schlechten Übersetzung hieß, als Fortführung von Gavino Leddas "Padre Padrone" gelesen haben. Da wie dort: einsame Höfe, geschlossene Welten, versklavte Bauernkinder, Sprachlosigkeit.

Die Eltern, die Bauern, die Dörfler – sie waren Menschen aus Arbeit und Tod. Der Arbeitstag hatte achtzehn Stunden, auch für die Kinder. Der Vater, der Großbauer, herrschte auf seinem Hof wie ein alttestamentarischer Gott. "Vater, bittschön ums Durchhauen." – "Vater, dankeschön fürs Durchhauen." Das war die Welt des jungen Innerhofer, in dem ein "furchtbarer Haß" aufstieg. Innerhofer über sein Spiegelbild, den Jungen Holl, in "Schöne Tage": "Eine furchtbare Wut nahm sich seiner mütterlich an." Er dachte früh an Selbstmord und verwarf den Gedanken: "Dann bin ich einer von den Umgebrachten, und sie können über mich hinwegschreiten, können weiterhin bedenkenlos Menschen wie mich erniedrigen und quälen, diese Freude mach’ ich ihnen nicht ... und irgendwann werde ich den Spieß umdrehen." Das schrieb Innerhofer 1973.

Während Frau Feltrinelli im Fernsehen österreichische Schriftsteller aufzählte und gleich an zweiter Stelle Franz Innerhofer nannte, saß der Autor in einem Grazer Beisl, rührte vier Löffel Zucker in einen hochprozentigen Schnapstee und zitierte den italienischen Philosophen und Politiker Antonio Gramsci: "La nostra via è lenta." Er sagte: "Ich hab’ immer gewußt, ich muß Geduld haben. Unser Weg ist langsam." Innerhofer, der Bauernknecht, der Emporkömmling, der schweigende Schriftsteller, meinte nicht die Dichter (und auch nicht, wie Gramsci, die Kommunisten), sondern den Weg der Sprachlosen, der Glücklosen, der Besitzlosen. Innerhofers Freunde sind die Sklaven. Sklaven?

Und schon sind wir aus der Zeit gefallen. Noch vor der Reise nach Italien, bei einem ersten Gespräch in Graz, verliert man den Boden unter den Füßen. Der Glockenturm zeigt auf einem Hügel über der Stadt die Tageszeit an. Aber welches Jahr ist es, welches Jahrhundert? In Graz sind wir, das ist sicher, denn die Mur fließt durch die Stadt. Aber sie fließt schon lange. Innerhofer wohnt hier in einer kleinen Mansarde im Stadtteil Gries, dem Hurenviertel, und er sagt, er habe noch immer nicht das Interesse verloren, an den Pflanzen, den Tieren, den Menschen (in dieser Reihenfolge) – das habe etwas mit Geduld zu tun. "Mit dem Jammertal hat’s zu tun", sagt Innerhofer. Dort seien er und die Geduld zu Hause.

Geduld – ein altes Wort wie "Leibeigener" oder "Armut". In "Schöne Tage" bezeichnet er sich als "Leibeigenen", als Sklaven seines Vaters, des Großbauern. Die Armut, die Innerhofer selber erlebt hat, haben wir bei Dostojewskij nachgelesen. Geschichten von großen kleinen Leuten. Wenig Geld und viel Charakter. Die Schroffheit der sozialen Gegensätze. Von München, von Hamburg oder Frankfurt, ja sogar von Graz aus betrachtet, wirkt Innerhofer auf eine imposante Weise altertümlich oder wie ein europäisches Gespenst der dritten Welt. Franz Spartacus Innerhofer, Freund der Sklaven, zu Hause im Jammertal, laut Paß ein Österreicher, nach seinem Kontostand ein Bankrotteur.