Das Gerede vom Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus droht in Kunst und Kultur zu einem späten Triumph des Zensur- und Schnüffel-Sozialismus über die sich gern "frei" nennende Kultur-Welt des Westens zu werden. Der fast vier Jahrzehnte auf Europa lastende Kalte Krieg droht in einen Kalten Frieden der Kultur auszuarten – weil die Habenichts-Länder Osteuropas in mörderischem Zerfall oder zaghafter Neugründung die Staaten im Westen an der verwundbarsten Stelle treffen, am Geldbeutel. Kapital (auch der geistigen Art), Institute, Forschungseinrichtungen: viel von dem, was einst, aus Angst vor einem Überfall, gespendet oder gegründet wurde, gerät in Gefahr, aufgelöst oder verschleudert zu werden. Auf millionenschwere Waffensysteme wie den Jäger 90 könnte ein zum Zusammenleben genötigtes Europa wohl verzichten – aber auch auf die in Jahrzehnten angehäuften Schätze einer Osteuropa-Bibliothek, wie sie als – jedermann, unentgeltlich zugängliche – Bürger-Bibliothek in Europa einzigartig ist?

Ein Berner Politologe, Peter Sager, wollte den "Ostblock" genauer kennenlernen. Also begann er zu lesen, Bücher und Artikel zu sammeln. 1948 weiß er sich keine andere Rettung mehr, als sein vom Keller bis zum Dachboden mit kommunistischen – und, natürlich, antikommunistischen – Schriften angefülltes Wohnhaus in der Berner Jubiläumsstraße 41 einer Stiftung anzuvertrauen, die er Schweizerische Osteuropa-Bibliothek (SOEB) nennt.

Als Fundus bringt er ein: 6000 Bände und 25 000 Ausschnitte aus Zeitschriften und Zeitungen. Damals ein unermeßlicher Schatz. Heute kann jeder Besucher fast 100 000 Bücher und Hunderte von Periodika bestellen oder im kleinen Lesesaal einsehen. Vor dreißig Jahren arbeiteten in dem zu einem Papierlager gewordenen Wohnhaus drei Forscher und Bibliothekare. Inzwischen hat sich die SOEB zu einer wissenschaftlich anerkannten "Dokumentationsstelle auf Hochschulebene" gemausert. Doch hat sich die Zahl der Mitarbeiter seither nur um ein halbes Pöstchen erhöht – auf "dreieinhalb Stellen". Und die müssen mit 400 000 Franken auskommen – Miete, Lohn, Zukauf, Verwaltung und wie in jeder Sammlung von Altertümern: immer mehr für Konservierung.

Jetzt droht auch dieses Sümmchen für ein Schatzhaus osteuropäischer Dokumente angenagt zu werden. Wie stets, wenn eine Institution, gar der geistigen, literarischen Art (deren Erfolg nicht sofort zu errechnen ist), von mehreren Geldgebern unterstützt wird (Eidgenossenschaft, Kanton und Stadt Bern), krampft jeder die Faust um den Geldsäckel. Ist der Kommunismus nicht in die Grube gefahren? Was gibt’s da noch zu ergründen?

Daß es erst jetzt mit der Forschung losgehen kann, weil Archive im Osten geöffnet werden, weil Gelehrte sich stets über alte Texte beugen müssen, wenn sie Vergangenheit erklären, Gegenwart bestimmen, Zukunft (vielleicht) vorbereiten wollen: all dies scheint den auch in der Schweiz mit dem Rotstift durch die Kulturlandschaft pirschenden Sparkommissaren fremd zu sein. Schon 1991 hat der Bund seinen Beitrag für ein sinnvolles Unternehmen, dessen Wert sich erst in Zukunft erweisen wird, um zehn Prozent gekürzt. Statt eines auf fünf Jahre angelegten Finanzplans muß der Direktor, der 1963 in Zürich promovierte Historiker und Exil-Ungar Peter Gosztony, mit einem Zweijahresetat auskommen – also von der Hand in den Mund leben.

Dürfen wir da, aus norddeutscher Tiefebene, einen SOS-Jodler wagen? Liebe Eidgenossen! Wenn schon Ihr, auf uralter Bergheimat hausend, kapitalschweres Pfund wie die in jedem Sinn teure Osteuropa-Bibliothek in die Gletscherspalte der Nutzlosigkeit fallen lassen wollt, bedenkt, bitte, welchen Schaden das schlechte Vorbild in so ärmlich neureichen Ländereien wie unserem von Lesern immer mehr entblößten Flachland anrichtet. Europa braucht endlich ein gutes Beispiel! Rolf Michaelis