Kommt es in letzter Zeit vermehrt zu Aggressionen gegen Behinderte? – Die Frage stellt sich nach einem aufsehenerregenden Selbstmord in Großburgwedel bei Hannover. Der 46jährige Günter Schirmer, einbeinig und sprachgestört seit einem Verkehrsunfall 1979, war von Jugendlichen wiederholt bespuckt und angepöbelt, einmal sogar eine U-Bahn-Treppe hinuntergestoßen worden (siehe ZEIT Nr. 44/92).

"Behinderte haben in dieser Welt wohl nie mehr eine Chance", schrieb er Anfang September im Abschiedsbrief an seine Frau. "Bei Hitler hätten sie mich bestimmt vergast, vielleicht haben diese vielen jungen Menschen doch recht."

Der niedersächsische Behindertenbeauftragte Karl Finke hat inzwischen begonnen, ähnliche Fälle zu dokumentieren:

  • In der Hannoverschen Presse schilderte die spastisch gelähmte Birgit Poll Anfang November, wie sie auf offener Straße von mehreren jungen Leuten angegriffen wurde: "Sie stellten sich mir in den Weg, traten gegen den Rollstuhl, schrien, daß ich in die Gaskammer gehören würde."
  • Zehn Jugendliche in Halle-Neustadt haben laut Mitteldeutscher Zeitung am 24. Juni fünf hörgeschädigte Kinder "überfallen und brutal zusammengeschlagen". Die vierzehnjährigen Schüler hatten an einer Bushaltestelle gewartet. Drei der älteren Jugendlichen sprachen sie an, bekamen jedoch keine Antwort, da die Hörbehinderten sie nicht verstanden. Sie prügelten die Schüler noch im Bus vor Zeugen; niemand griff ein, auch der Busfahrer nicht. Würgemale, Milzschäden, ein Schüler wurde schwer am Kehlkopf verletzt.
  • Ein Rollstuhlfahrer, der kürzlich in Mainz vor einem Buchladen stand und sich die Auslage ansah, wurde von einem in der Nähe knutschenden Pärchen als Voyeur verdächtigt. Der Mann kam auf den Rollstuhlfahrer zu und zückte ein Klappmesser: "Wenn du weiter so blöd zu uns rüber guckst, dann kitzele ich dich mal." Der Mann folgte dem in die Buchhandlung fliehenden Rollstuhlfahrer und sagte: "Auf dich könnte ich richtig scheißen." Dann spuckte er ihm ins Gesicht.
  • Ein fünfzigjähriger geistig Behinderter aus Hannover wurde nach einem Kinobesuch am 24. September von einem "zirka 20 Jahre alten Mann in Lederbekleidung" verfolgt und entführt. Nach vier Tagen fand ihn die Kriminalpolizei schlafend, verwahrlost, erschöpft und verletzt in einem Wohnwagen. Er trug eine Fußfessel am linken Bein, hatte Prellungen am ganzen Körper, sein rechter Daumen war verbrannt. Der Unbekannte hatte ihn mehrfach geschlagen und mit dem Feuerzeug traktiert.

Bislang steht Karl Finke mit seiner Sammlung allein. Viele Behindertenorganisationen betrachten die Liste skeptisch: Einige Einzelfälle müssen noch kein Trend sein. Man dürfe keine Hysterie erzeugen. Dies ist freilich auch nicht das Ziel des Behindertenbeauftragten: Finke, selbst fast blind, will das Augenmerk der Gesellschaft auf solche Vorkommnisse lenken, um Schlimmerem vorzubeugen. "Es kann sein, daß nach den Ausländern die Behinderten dran sind", sagt er. "Und wenn die Lawine erst mal rollt, ist es zu spät. Dann kann man nur noch zählen, wie viele Übergriffe es gibt."

Finke fordert eine "Kultur des Hinschauens": Es dürfe nicht angehen, daß Stärkere Schwächere verprügelten und nichts befürchten müßten. "Da muß jeder Bürger dazwischengehen."

Nun ist dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit; und an das Selbstverständliche erinnern zu müssen ein bedenkliches Indiz für den Zustand der Gesellschaft. Auch Behindertenorganisationen, die nicht von verstärkten Angriffen und Beschimpfungen berichten können, sprechen von einem "Klimawechsel" in der jüngsten Zeit. Das Leben im Lande wird härter, viele Bürger fürchten mehr um sich selbst, und nicht wenige treten nach unten. Ob es gegen Ausländer geht oder gegen Behinderte, ist da vielleicht gar nicht so wichtig.