Von Hans-Joachim Müller

Sascha, der Traktorfahrer, bedürfte einer gelegentlichen Gebißkorrektur. Aber erst einmal muß das Sowjetreich reich und ganz sowjetisch sein. Dreizehn Millionen Hektar sind noch zu pflügen. In Westsibirien, in Kasachstan, im Wolgagebiet. Wenn Sascha an Chruschtschows Landbauprogramm denkt, möchte er gleich wieder aufsitzen. Nur einen Augenblick muß er noch stillhalten, bis ihm der Maler zwei Lippenwülste über die drängenden Kieferhälften gestülpt hat.

Später verlieren sich Saschas Spuren im Strudel der Ereignisse. Der Traktor wird längst verrostet sein. Ein Termin beim Genossenschaftsdentisten war nie zu bekommen. Und der Pflügefeldzug, wissen wir inzwischen, hat dem Mutterboden im Vaterland übel mitgespielt. Wofür aber das Sowjetreich nur beschränkte Haftung übernehmen kann, weil das Sowjetreich nur von beschränkter Dauer gewesen ist. Von Saschas Maler, Konstantin Maksimov, haben wir wenig gehört. Sein Bild hängt im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, wo eine Ausstellung vor gnädiglichem Vergessen bewahren möchte, was einmal sozialistischer Realismus hieß.

Das Werk emsiger Präparatoren einer geschmacksneutralen Kunstgeschichte löst staunendes Fragen aus. Warum nur, so will es uns nicht aus dem postsowjetisch verwirrten Sinn, hat das experimentum hominum nicht klappen können, wo so prächtige Zeugnisse reinster malerischer Gesittung überliefert sind? Wir denken zum Beispiel an die Szene an der kirgisischen Grenze. Wir denken an den Zivilisten dort, an das Roß und den Bewaffneten, die der Landesverteidigung obliegen – unter einem Himmel, wie ihn Corot in der Campania erlebt hat. Wir denken vor allem an den Panzerchauffeur Kuznetsov, der eisern wie ein Geharnischter am eisernen Gerät seinen Dienst tut. Wir denken auch an die Tomatenpflücker, die so bacchantisch gelöst ihre rotbackige Ernte einbringen, daß Gauguin kaum nach Tahiti gereist wäre, wenn ihn Zinaida Kovalevskaya beizeiten ins wahre Paradies gewiesen hätte.

Unter den mancherlei sozialistischen Realien sowjetischer Herkunft zeichnet sich der sozialistische Realismus durch seine markant knappe Halbwertzeit aus. Schon die Realität des Realismus hat selten so mustergültig der Doktrin entsprochen, wie das unter dem Eindruck martialisch auftrumpfender kulturpolitischer Programme zu erwarten gewesen wäre. Alexander Gerasimovs Bildreportage vom "Gemeinschaftsbadehaus" im Hunger- und Kummerjahr 1946 hält sich zwar geflissentlich an die parteiamtliche Nacktkörperdisziplin, hat darüber hinaus aber nichts typisch Sowjetsaunamäßiges zu bieten. Wie immer gibt sich Badewilligkeit durch teil- oder ganzentblößte Muskelwölbungen zu erkennen. Und wie überall in sowjetischen und außersowjetischen Naßzellen ist gleich ein Maler zur Stelle, der seine ganze Kunst in die Dokumentation rosiger, leicht hummerartiger Hautpartien wirft.

Das Jahr hat uns mit allerhand Spätblüten des Kunstbetriebs überrascht. Die liebevolle Rekonstruktion des sozialistischen Realismus kurz nach Ende des realen Sozialismus gehört zu den besonders perfekten Überraschungen. Was müssen wir wissen von diesen Bildern, was sollen wir tun mit ihnen, was dürfen wir erhoffen von der Lehre der Geschichte? Mit drei kantischen Fragen und einem Verdacht sehen wir den armenischen Teppichknüpferinnen zu, wie sie das Antlitz des Genossen Stalin ins Gewebe flechten. Ob da ein wenig spekuliert wird auf jene Skandalkraft, die anderswo ein Dutzend Hitler-Aquarelle in die Schlagzeilenloge hievt? Nein, der schnauzbärtige Generalsekretär, den uns Grigori Shegal als "Führer, Lehrer und Freund" überliefert hat, bietet keinen Anlaß mehr zum unschicklichen Streit. Zwei Wandnägel geben ihm vorübergehend Sicherheit in seinem Museumsasyl. Und niemand will etwas wissen von ihm. Es ist etwas kühl im Musée des Beaux-Arts im herbstlichen Brüssel.

Auch "Lenin im Smolny" schlägt den Pelzkragen hoch. Wie er da hergestürmt kommt und den Arm ausstreckt und mit dem Zeigefinger auf uns deutet: Damals hätten wir uns sogleich zur Revolution bekannt. Heute lesen wir mit gelindem Erstaunen, daß Maler Victor Tsyplakow Lenins Zeigefinger erst 1988 neu justiert haben will.