Von Wilfried Herz

Ein Gespenst geistert durch das Land: die furchteinflößende Schimäre von einer neuen Währungsreform, durch die sich der Staat irgendwann einmal seiner drückenden Schuldenlast entledigen könnte. Vor allem bei alten Menschen ruft der Begriff schreckliche Erinnerungen wach. Zweimal wurden in diesem Jahrhundert in Deutschland Währungsreformen verordnet, in beiden Fällen ging ein Weltkrieg voraus, beide Male wurden große und kleine Geldvermögen vernichtet. Am Ende standen all jene, die sich zur Sicherung ihrer Existenz Staatspapiere gekauft oder auch nur Sparguthaben bei der Bank angesammelt hatten, ohne Notgroschen da. Und das soll nun ein drittes Mal geschehen?

Es ist das zweifelhafte Verdienst des Präsidenten des Bundesrechnungshofes, Heinz Günter Zavelberg, als erster das Wort von der Währungsreform in die finanzpolitische Debatte geworfen zu haben. Seither waren sich – glücklicherweise nur wenige – sonst durchaus renommierte Wissenschaftler nicht zu schade, sich an diesem gefährlichen Geschwätz zu beteiligen. (Dabei gehört es zu den schwer zu verstehenden Merkwürdigkeiten, daß ausgerechnet die Bild-Zeitung und der Spiegel den Panikmachern ihre Spalten öffneten – jene beiden Blätter, die aus lauter Angst vor dem Verlust der doch so harten Mark gegen die europäische Währungsunion Front machten.)

Ohne Zweifel gibt die unsolide Finanzpolitik der Bundesregierung Anlaß zu Sorgen. Den großen Ankündigungen von Finanzminister Theo Waigel, daß "eisernes Sparen" gefordert sei und daß es beim Sparen "keine Tabus" geben werde, folgten bislang nicht die rechten Taten. Und was ist vom Wort des Kanzlers zu halten, daß die Stunde der Wahrheit gekommen sei, wenn er den Bundestag einen nur lückenhaften Haushalt für 1993 verabschieden läßt? Milliardenschwere Ausgaben blieben unberücksichtigt, ein Nachtrag wird schon vorbereitet.

Seit der deutschen Vereinigung kennzeichnen Fehleinschätzungen und falsche Versprechungen die Finanzpolitik. Es war Waigel, der die Milliarde als gängige Rechengröße der Etatpolitiker einführte und schon die Billion (das sind eintausend Milliarden) salonfähig gemacht hat. Bis Ende dieses Jahres werden Bund, Länder und Gemeinden einen Schuldenberg von knapp 1,4 Billionen Mark aufgetürmt haben. Rechnet man noch die Sondertöpfe von Bahn, Post und Treuhandanstalt hinzu, beträgt die Staatsverschuldung sogar 1,7 Billionen.

Es ist gar keine Frage, daß von der Schuldenpolitik dieser Regierung Gefahren für die Preisstabilität ausgehen. Doch Kanzler Kohl ist schließlich kein Junta-Chef, der seinem Notenbankgeneral das Drucken immer neuer Banknoten befehlen kann, um mit immer wertloser werdendem Geld die Löcher im Staatsetat zu stopfen. In der Bundesrepublik ist für die Wahrung der Geldwertstabilität die unabhängige Bundesbank zuständig, die ihrer Aufgabe durchaus nachkommt (und dabei zuweilen sogar überzieht). Schon deshalb gibt es keine Rechtfertigung für Warnungen vor einer Währungsreform. Und woher soll die Superinflation kommen, die allein einen Währungsschnitt notwendig machen könnte? Denn Währungsreform heißt immer Geldvernichtung – allerdings wird dann Geld vernichtet, das weitgehend wertlos geworden ist, für das man nichts oder fast nichts mehr kaufen kann. Bei Preissteigerungen um die vier Prozent jährlich, wie sie jetzt in Westdeutschland registriert werden, kann von einer derartigen Geldentwertung keine Rede sein.

Der historische Vergleich mit der großen Inflation nach dem Ersten Weltkrieg zeigt, wie leichtfertig das Gerede von einer Währungsreform ist. Durch seine gewaltige Verschuldung zur Finanzierung des Krieges und seiner Folgen hatte der Staat die Inflation in einem heute unvorstellbaren Maße angeheizt. Weil der Staat keine Käufer mehr für seine Anleihen fand, mußte die Reichsbank als Finanzier herhalten – so wurde Geld gedruckt, ohne daß entsprechende Kaufkraft geschaffen wurde. Schließlich stand der Staat allein bei der Reichsbank mit fast 190 Trillionen Reichsmark in der Kreide – 190 Trillionen, das waren 190 Millionen Billionen (noch einmal zum Vergleich: Heute beträgt die Gesamtschuld des Staates 1,7 Billionen D-Mark). Die Preise waren auf das 1 422 900 000 000fache des Vorkriegsniveaus gestiegen. Mit der Währungsreform im November 1923 wurde der Umtauschkurs festgesetzt: Für eine Billion Reichsmark gab es eine Rentenmark. Wer vorher Geld auf der hohen Kante hatte, war völlig verarmt, die Gewinner waren die Besitzer von Sachwerten – und Schuldner, die ihre Kredite für ein Butterbrot tilgen konnten.