Von Robin Detje

Die Szene, vom Fernsehen überliefert, war grotesk. Deutsche Dichter lasen in Asylantenheimen, vor Heerscharen deutscher Reporter und Kamerateams – und ein paar Ausländern, die nichts von alledem verstehen konnten. Denn die deutschen Dichter lasen auf deutsch.

Hat man einander kennengelernt? Ist man einander nähergekommen? Haben sich die Asylbewerber, kleine Tropfen in der bedrohlichen Asylantenflut, Massengut auf dem Abschiebegleis, vor den Augen der Dichter plötzlich in Menschen verwandelt, in erkennbare Individuen mit einem unverwechselbaren Schicksal? Es sah nicht danach aus. Wie viele Dichter, Poeten und Denker sitzen in den vom plötzlich erwachten deutschen Anstand heimgesuchten Heimen und hätten selber lesen können, die Geschichte ihrer Völker erzählen, ihren Ängsten und Hoffnungen Ausdruck geben? Man hat wohl vergessen zu fragen. So beschäftigt waren die deutschen Dichter, die Ausländer für sich zu entdecken – als Statisten in einem Schauspiel rührenden Eifers.

Immer sucht der Deutsche im Fremden sich selbst. Immer sollen die Fremden den Deutschen verstehen, ihm zuhören, ihn heilen mit exotischen Massagen und Therapien. In den Rasierspiegeln ihrer Hotels starrt er sich an. Wie sieht er sich? Als europäischen Weltbürger, als stolzen Entdecker ferner Länder, als legitimen Nachfahren von Christoph Kolumbus.

Roberto Ciulli, Doktor der Philosophie aus Mailand, seit 1965 Regisseur in Deutschland, seit über zehn Jahren Leiter des Mülheimer Theaters an der Ruhr, kann über so eurozentristische Eitelkeiten nur lachen. Unser Weltbild, findet er, ist ein Witz, ein peinlicher Irrtum. Nicht die Italiener, sagt Ciulli, die Chinesen haben die Spaghetti erfunden. Und er malt sich aus, wie zwei kleine Seidenhändler Italien entdecken, noch bevor Marco Polo ahnt, daß es China gibt, wie der große Eroberer ihnen heimlich auf dem Rückweg folgt, ihnen ihr Nudelrezept stiehlt und sich nachher zum Helden der europäischen Geschichte ausrufen läßt. Die Entdeckung der Welt, sagt Ciulli, verlief andersherum: von Ost nach West. Die Geschichtsbücher lügen.

Von Ost nach West ging auch der Zug der Zigeuner nach Europa, aus Indien, nicht China. Eine Entdeckungsreise, die schon im Jahr 750 nach Christus in vollem Gange war und deren Heldenmut noch heute kein Geschichtsbuch rühmt. Nun ist Roberto Ciulli mit einer Gruppe von Zigeunern, von Roma, nach Chemnitz gekommen – andersherum, aus dem Westen. Diese Roma wollen kein Asyl, sie wollen, daß man ihnen zuhört. Sie wollen Theater spielen, in ihrer eigenen Sprache, die niemand im Publikum kennt. Und man versteht sie doch.

Sie heißen Theater Roma Pralipe; das heißt Brüderschaft. Zwanzig Jahre lang hat die Gruppe im mazedonischen Skopje gearbeitet, in der Schutka, dem Zigeuner-Ghetto. Rahim Burhan ist im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gründervater und leitet die Gruppe bis heute (siehe ZEIT Nr. 48). Vor fast zwei Jahren hat das Roma-Theater Pralipe in Mülheim eine neue Heimat gefunden, am Theater an der Ruhr, auf der Flucht vor der drohenden Pleite und dem drohenden Krieg. Mit 400 000 Mark im Jahr bewahrt dort das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen das einzige Theater der Roma in Europa, vielleicht die einzige subventionierte kulturelle Struktur der Roma überhaupt, vor dem Verschwinden.