Von Claus-Peter Sesin

Eigentlich, meinte Brian G. Marsden, habe er sich mit der Warnung nur an Fachkollegen wenden wollen. Doch was der US-Astrophysiker im Rundschreiben Nr. 5636 der International Astronomical Union zwischen Umlaufbahn-Berechnungen gut versteckt glaubte, sorgte sogleich weltweit für Schlagzeilen: Am 14. August 2126 wird der Komet Swift-Tuttle – ein zehn Kilometer großer kosmischer Eisklotz – mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 : 10 000 in die Erde einschlagen. Deshalb sei es ratsam, die Bahn des zur Zeit gerade durchs Sonnensystem ziehenden Kometen mit Fernrohren genauestens weiterzuverfolgen.

Hinter diesem betonten Understatement einer altehrwürdigen Astronomen-Vereinigung verbirgt sich eine Hiobsbotschaft apokalyptischen Ausmaßes. Denn wenn der 1862 von den US-Astronomen Lewis Swift und Horace Tuttle entdeckte Komet bei seiner nächsten Passage in knapp 134 Jahren tatsächlich einen Volltreffer landete, würde er eine Katastrophe auslösen: Beim Aufprall – äquivalente Sprengkraft: rund hundert Millionen Megatonnen TNT – verdampfte so viel irdisches Gestein, daß unser bis dato blauer Planet jahrelang in eine schwarze Wolke gehüllt würde, durch die kaum noch Sonnenlicht dringen könnte. Wie in einem "nuklearen Winter" stürben alle Pflanzen, die Nahrungsketten rissen ab. Alles höhere Leben verschwände. Wir Menschen würden aussterben wie vor 65 Millionen Jahren die Saurier.

Dieses in der Presse weidlich ausgeschlachtete Szenario stieß indes nicht nur auf Entsetzen. Kurz nach Erscheinen des Rundschreibens erhielt Brian Marsden einen Anruf aus Washington D.C. – von wem, will er nicht sagen. Der Gesprächspartner machte keinen Hehl daraus, daß die amerikanische Rüstungsindustrie im Erscheinen des Kometen gleichsam einen Wink des Himmels sieht. Die zündende Idee: Man könnte den kosmischen Irrläufer doch mit Atomraketen vom möglichen Kollisionskurs abbringen.

Seit 1990 schmiedet die US-Weltraumbehörde Nasa Pläne für ein Abwehrsystem gegen Asteroiden und Kometen. Und die stellen selbst kühnste SDI-Phantasien in den Schatten: Einem der englischen Wissenschaftszeitschrift New Scientist vorliegenden Zwischenbericht zufolge erwägt die Nasa, gigantische Laserkanonen auf der Erde und auf dem Mond aufzustellen sowie eine Armada aus Hunderten jeweils mit Hundert-Megatonnen-Sprengköpfen bewehrten Raketen in einer Erdumlaufbahn zu stationieren. Sogar ein – wissenschaftlich völlig abstruser – Präventivschlag mit Anti-Materie befindet sich unter den Vorschlägen. Das Zauberwort Anti-Materie fiel auch auf einer im März von der Nasa einberufenen Konferenz in Los Alamos. Dort forderte der Physiker Edward Teller – Miterfinder der Atombombe –, zur Abwehr der kosmischen Klumpen eine Bombe zu entwickeln, die eine 10 000mal stärkere Sprengkraft besitzt als die größte bislang existierende. "Nukes forever", rief ein Konferenzteilnehmer enthusiastisch. Und Johndale C. Solem, Physiker am Los Alamos National Laboratory, findet die Aufgabe gar "faszinierend. Diese Dinger schlagen alle hundert Millionen Jahre auf unserem Planeten ein und lösen jedesmal ein Massensterben aus, bis die Evolution eine Art hervorbringt, die etwas dagegen unternehmen kann."

Das Brainstorming bei der Nasa hatte einen konkreten Anlaß: Am 23. März 1989 war ein Asteroid von rund 800 Meter Durchmesser in nur knapp doppelter Erde-Mond-Entfernung an unserem Planeten vorbeigeflogen. Das ist kosmologisch ein Beinahe-Zusammenstoß. Niemand hatte den Killer-Brocken kommen sehen, er wurde erst entdeckt, als er sich wieder von der Erde entfernte. 1990 beauftragte der aufgeschreckte US-Kongreß die Nasa mit der Ausarbeitung einer Risiko-Studie.

Die Forschungen ergaben, daß kosmischer Steinschlag in der Tat eine ungeahnte Bedrohung darstellt. Hausgroße Asteroiden ziehen hundertmal häufiger an unserem Heimatplaneten vorbei als bislang vermutet, fanden David Rabinowitz und seine Kollegen von der University of Arizona im Rahmen des Spacewatch-Programms heraus. Das Team zeichnete die Asteroiden-Bahnen auf, indem es unter die Teleskope statt des üblichen Photopapiers hochempfindliche Video-Chips (CCD-Chips) legte. Im Januar 1992 berichtete die Nasa, daß nach ihren Schätzungen 100 bis 4000 Asteroiden von mindestens 800 Meter Durchmesser die Erdbahn kreuzten; davon seien erst rund 150 bekannt. Die Weltraumbehörde forderte daher die Einrichtung eines optischen Frühwarn-Systems: Mit weltweit sechs Zwei- oder Drei-Meter-Teleskopen könnten über neunzig Prozent der Asteroiden dieser Größe beizeiten ins Visier genommen werden. Solche Kolosse lösen bereits globale Katastrophen aus.