Von Christoph Bertram

Gerade jetzt, da der innerdeutsche Ausbruch von Gewalt und Haß das internationale Vertrauen in die deutsche Demokratie schwächt, hätte die Bundesrepublik den Beistand ihres engsten Freundes Frankreich nötig. Aber ausgerechnet jetzt muß sie ihn desavouieren.

Trotz aller Pariser Appelle, den Agrarkompromiß der vergangenen Woche zwischen der EG und den Vereinigten Staaten zu torpedieren und gemeinsam mit Frankreich gegen amerikanische Hegemonie zu fechten, bleibt Bonn keine andere Wahl: Es muß Paris zusammen mit den anderen EG-Partnern niederstimmen – im eigenen, aber auch im europäischen Interesse.

Nicht nur für den Exportriesen Deutschland, auch für die von Rezession geplagte europäische Wirtschaft insgesamt wäre eine Abfuhr für die EG-Unterhändler ein Desaster. Alle Versuche, den Welthandel durch Liberalisierung anzukurbeln, wären damit zunächst einmal blockiert. Handelsschikanen drohten dann zu Handelskriegen zu eskalieren. Und eine dicke, dunkle Wolke von Mißmut und Mißtrauen zöge über dem Atlantik auf, simultan zur Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten – als ob es nicht schon genug transatlantische Reibungen gäbe.

Die Bundesregierung wäre daher von allen guten Geistern verlassen, wenn sie dennoch der Rücksicht auf Pariser Empfindlichkeiten weiterhin den Vorrang einräumte. Vielmehr kann sie hier – überzeugender als beim halbherzigen Embargo-Dienst in der Adria – beweisen, daß sie ihre internationale Verantwortung, die sie so oft beschwört, tatsächlich ernst nimmt.

Dabei muß sich gerade der Bundeskanzler fragen, ob er nicht in der Vergangenheit durch zuviel Verständnis für die Probleme des französischen Staatspräsidenten und seiner Sozialistischen Partei, welche die Lobby der Bauern noch mehr fürchten als selbst die CSU, der Illusion Vorschub geleistet hat, Frankreich könne, wenn es zum Schwur kommt, auf die Deutschen zählen. Immer wieder in den vergangenen Jahren fragten amerikanische Unterhändler verstimmt und verwundert, warum Bonn die französische Regierung oft genug vor der Isolierung bewahrte, die doch vielleicht den Anstoß zu französischem Umdenken hätte geben können. Weil der Kanzler es vorzog, den Partner zu schonen, muß er ihn jetzt, wo die Zeit zum Umdenken ausläuft, um so heftiger vor den Kopf stoßen.

Vielleicht aber haben die Bonner sich auch zu lange in der eitlen Selbsttäuschung gewiegt, sie hätten den Balanceakt zwischen Paris und Washington so zur Perfektion entwickelt, daß sie es auch beim Streit um die Agrarsubventionen jedem irgendwie recht machen könnten. Wie oft schon haben deutsche Bundeskanzler vormittags bei den französischen Freunden den Eid auf die Eigenständigkeit Europas abgelegt, nachmittags bei den amerikanischen Verbündeten aber auf den Vorrang der atlantischen Partnerschaft geschworen. Das "Euro-Korps" aus deutschen und französischen Militäreinheiten, das Kohl und Mitterrand im Herbst 1991 aus der Taufe hoben, war nur das jüngste Beispiel für inzwischen erworbene deutsche Fertigkeiten auf dem Drahtseil der Diplomatie: Washington wurde der Plan als Atlantisierung Frankreichs, Paris als Europäisierung der Nato verkauft. Den Widerspruch zu leugnen, das war die – lange erfolgreiche – Bonner Devise.

Sie kann jedoch nur so lange richtig sein, als das, was für Paris und Washington ein Widerspruch ist, für Bonn zum Vorteil ausschlägt. Es ist ja immer besser, auf zwei Stühlen halb als zwischen ihnen zu sitzen. Beim Welthandel hat Bonn diese Wahl nicht. Der Agrarkompromiß der vergangenen Woche ist für die Deutschen gut, nicht weil er den Amerikanern, sondern weil er uns selber nützt. Wenn französische Agrarromantik und eine lautstarke Bauernlobby Paris dazu verführen, allein gegen die Welt (und im übrigen auch gegen französische Wirtschaftsinteressen) anzugehen, dann muß Bonn die Gefolgschaft diesmal klar und deutlich verweigern. Unter Freunden sollte auch das zur Freundschaft gehören.