Von Matthias Naß

Selten nur kommt der Gast, zumal der reisende Staatsmann, mit genau dem richtigen Geschenk. Boris Jelzin gelang eine überzeugende Geste, als er in Seoul dem südkoreanischen Präsidenten Roh Tae Woo den Flugschreiber jenes Jumbo-Jets der Korean Airlines überreichte, den die sowjetische Luftwaffe am 1. September 1983 über dem Japanischen Meer abgeschossen hatte. Damals starben 269 Menschen.

Die alleinige Schuld für das tragische Ende von Flug KAL 007 hatte Jelzin schon im Oktober Moskau zugewiesen, als er die Aufzeichnungen der "Black box" des wegen angeblicher Spionage abgeschossenen Flugzeugs veröffentlichen ließ. Daß die gleichzeitig bekanntgemachten Protokolle der Politbüro-Beratungen offenbarten, wie Michail Gorbatschow den Genossen damals geraten hatte, mit den amtlichen Verdrehungen der Wahrheit "in die Offensive" zu gehen, dürfte Boris Jelzin von Herzen gefreut haben.

Für die Südkoreaner ist Gorbatschow dennoch nicht nachträglich zum Schurken geworden. Schließlich haben die beiden Länder noch unter seiner Herrschaft vor zwei Jahren diplomatische Beziehungen aufgenommen. Schon dem kommunistischen Reformer im Kreml galt die Allianz mit Kim II Sungs Nordkorea wenig im Vergleich zu den Geschäften, die er mit dem Wirtschaftswunderland Südkorea zu machen hoffte.

Jelzin geht diesen Weg nun konsequent weiter. Aus normalen Beziehungen, so sagte er in Seoul, solle eine "echte, volle Partnerschaft" werden. Auch wenn Südkoreas Geschäftsleute die Chancen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit inzwischen einigermaßen illusionslos einschätzen, hofft die russische Regierung noch immer auf großzügige Investitionen, vor allem bei der Ausbeutung von Rohstoffvorkommen. Jelzin hatte eine Wunschliste von 23 Projekten im Gepäck. Die Reaktion auf südkoreanischer Seite blieb skeptisch. Immerhin will die Regierung in Seoul ihre Kredithilfe an Moskau von drei Milliarden Dollar wieder aufnehmen, die sie wegen ausstehender Zinszahlungen vorübergehend eingestellt hatte.

Als der weitaus interessantere Wirtschaftspartner gilt den Südkoreanern die Volksrepublik China. Auch mit Peking hat Seoul in diesem Jahr die diplomatischen Beziehungen normalisiert. Der bilaterale Handel dürfte von 5,8 Milliarden Dollar 1991 auf rund 10 Milliarden in diesem Jahr steigen.

China und Rußland, im Koreakrieg an der Seite des Aggressors Pjöngjang, werben nun beide um die Gunst des einstigen Gegners. Jelzins Ambitionen in Asien reichen indes über intensivere Wirtschaftsbeziehungen hinaus. Mit seiner ersten Reise als Präsident nach Fernost – die für den September geplante Visite in Japan hatte er wegen des Streits über die Rückgabe der Kurilen-Inseln kurzfristig abgesagt – hat er auch eine diplomatische Initiative gestartet. "Rußland fühlt sich für das Schicksal der asiatischen Pazifikregion verantwortlich", sagte Jelzin vor dem Parlament in Seoul.