Alle reden und schreiben von der Umwelt, mit der wir schonender umgehen sollten. Daher beschlossen wir, einen großen Teil des Weges von Hamburg nach Sevilla mit dem Autozug zwischen Paris und Lissabon zurückzulegen. Das werden wir so bald nicht wieder tun.

Man könnte meinen, Autozüge seien ein wichtiger Beitrag, mit den Problemen verstopfter Straßen und verpesteter Luft fertigzuwerden. Um so verwunderlicher, daß sie von den Eisenbahngesellschaften so stiefmütterlich behandelt werden. Erstens gibt es ihrer zu wenige, zweitens werden sie in den Fahrplänen nur versteckt und in manchen gar nicht geführt, drittens werden sie oft, physisch wie psychisch, in der Nähe von Güterverkehr und Viehtransport betrieben.

Nach einigen Mühen fanden wir heraus: Es gibt tatsächlich einen Autoreisezug von Paris nach Lissabon. Er fährt am Sonntagmorgen am Bahnhof Austerlitz ab und erreicht Lissabon 25 Stunden später, am Montag. Nicht gerade pfeilgeschwind. Um am Sonntagmorgen abfahren zu können, muß das Auto bereits am Sonnabend in Tolbiac, dem so gut wie unauffindbaren Güterbahnhof in Austerlitz, bereitgestellt werden.

Für den Personentransport gibt es Liegewagen, sechs Leute in einem Abteil. Mir war es gelungen, mich durch Körbe und Koffer hindurchzuquetschen auf die oberste Pritsche und dort sogar einzuschlafen. Plötzlich sah ich, es war morgens kurz vor fünf, dreißig Zentimeter vor meiner Nase ein Gesicht wie aus einem Alptraum. "Tickets!" schrie es. Ich war gerade wieder entschlummert, als kurz nach fünf ein zweites Gesicht vor mir "Passport!" verlangte.

Europa-Funktionäre fahren natürlich nicht mit einem Autoreisezug. Täten sie das, wäre ihnen vermutlich längst aufgegangen, daß Normen für Babypuder oder Apfelgrößen weniger nützlich sind als es eine gemeinsame Spurbreite der europäischen Eisenbahnen wäre. So aber muß der Autozug zwei Stunden an der Grenze warten, bis alle Wagen emporgehievt und ihre Räder auf die spanisch-portugiesische Spur eingestellt sind.

Die Ankunft in Lissabon war pünktlich. Freilich dauerte es eine Stunde, bis die Autos wieder vertrauten Straßenboden unter sich hatten und "abgefertigt" werden konnten. Das Abfertigen bestand im Ausfüllen von vielen Formularen. Ein Auto hatte unglücklicherweise den Transport nicht ohne Delle überstanden. Für die Schadensmeldung war ein anderer Beamter zuständig. Der machte von zwölf bis zwei Mittagspause. Der Abfertiger, der das natürlich wußte, hätte gut vor zwölf mit seinen Formularen zu Rande gekommen sein können. Aber er schaffte es erst zehn Minuten nach zwölf. 14.45 Uhr verließen wir Lissabon. Das Verfahren hatte einigermaßen darunter gelitten, daß auf dem Bahnhof auch nicht einer der Beamten Englisch oder Französisch oder Spanisch oder Deutsch oder irgendeine andere exotische Sprache zu sprechen in der Lage war. Sanften Klagen darüber wurde entgegengehalten: "Sprechen Sie Portugiesisch?" Also schämten wir uns.

Auf der Rückfahrt verlief alles wie ein schreckliches Déjà-vu. Das verdoppelte die Frage: Warum wird eigentlich nicht mehr dafür getan, den Autofahrer auf die Schienen zu locken?

Rudolf Walter Leonhardt