Von Jan Skujka

Rangun

Mit heulenden Motoren setzt die kleine Fokker der Burma Airways zum Landeanflug auf die Hauptstadt an. Nach dem Willen der herrschenden Militärs darf sie nicht mehr Rangun, sondern nur noch Yangon genannt werden. So wie auch das Land nicht mehr Burma heißt, sondern Myanmar. Zweimal überfliegt die Maschine ein Schachbrettmuster von frisch planierten Sandwegen; die Flächen dazwischen stehen unter Wasser. Hier wird die Armee bald wieder aus der Hauptstadt vertriebene Menschen abladen, damit sie in einer jener geheimgehaltenen "modernen Satellitenstädte" ein neues Leben als sozialistische Bürger beginnen. Es handelt sich um "unzuverlässige Elemente", denen immer noch die Demokratie im Kopf herumspukt. Parks anstelle von Slums entstehen überall dort, wo die Armee freie Schußbahn braucht.

Der "Staatsrat für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung" – so der offizielle Name der Junta, deren starker Mann der Chef des militärischen Geheimdienstes, Generalmajor Khin Nyunt, ist – geht kein Risiko mehr ein, seit die Nationale Liga für die Demokratie der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi bei den Wahlen 1990 rund 85 Prozent der Parlamentssitze gewonnen hat. Der Sieg kam zustande, obwohl das Militär zwei Jahre zuvor die Demokratiebewegung mit ungeheurer Brutalität niedergeschlagen hatte. 8000 Menschen kamen damals ums Leben, Tausende verschwanden in den Gefängnissen und Folterkammern des Geheimdienstes.

Nun versucht die Armee, mit einer Offensive des Lächelns der Welt weiszumachen, daß sich in dem von ihr geschundenen Land Entscheidendes gewandelt habe. Mehr als tausend Gefangene wurden bisher freigelassen, Anfang November hieß es, daß am 9. Januar eine verfassungsgebende Versammlung zusammentreten werde. Sie soll erst ein neues Grundgesetz ausarbeiten und dann abermals Wahlen veranstalten. Burma, in den fünfziger Jahren eines der blühendsten Länder Asiens, ist seit dem Putsch Ne Wins 1962 systematisch zugrundegerichtet und isoliert worden. Seit der vermeintlichen Liberalisierung unter der Junta vor zwei Jahren hat sich der Niedergang noch beschleunigt. Während sich die Schieber und Drogenbosse bereichern, überlegt ein ganzes Volk, welches Geschäft es heute machen muß, um morgen zu überleben.

Die Angst hält ein ganzes Volk in Schach. Der britische Sender BBC wird nur mit dem Ohr dicht am Empfänger gehört. Kontakte mit Ausländern sind verboten. Wer sie aus beruflichen Gründen dennoch hat, muß hinterher ausführlich darüber berichten. Wie Aufmüpfigkeit bestraft wird, ruft das Militär immer wieder wie zufällig in Erinnerung: wenn Gefangene in Fußketten zur Zwangsarbeit marschieren. Die Mönche scheinen in diesem Land der tiefgläubigen Buddhisten die einzigen, die sich noch nicht dem Terror gebeugt haben. Sie suchen demonstrativ das Gespräch. "Aber die haben nicht Frau und nicht Kinder, sondern nur die Brust vorne und den Rücken hinten", sagen die Burmesen.

Die Menschenrechtsorganisation amnesty international schätzt die Zahl der politischen Gefangenen auf mindestens 1600. Andere sprechen von 5000 bis 6000. Die meisten sind Mönche. Es soll mindestens zwanzig Folterzentren geben. "Menschenrechtsverletzungen sind in Burma so allgegenwärtig, daß ihnen Tausende aus allen Schichten der Bevölkerung zum Opfer gefallen sind", heißt es im jüngsten amnesty-Bericht. Geheimdienstchef Khin Nyunt tut dies als "blanke Lüge" ab: "Es gibt weder religiöse Verfolgung noch Folter oder Tötungen in den Gefängnissen." Zugleich aber flüchtete eine Viertelmillion muslimischer Rohingyas aus dem Westen des Landes vor den ethnischen Säuberungen der burmesischen Armee nach Bangladesch. Auch die erbitterten Kämpfe gegen die aufständischen Minderheiten gehen weiter, entgegen allen Beteuerungen des Generals und seines Außenministers vor der Uno.