Was ist los mit uns Deutschen? Weshalb zieht sich diese Spur mörderischer Gewalt durch unser Land? Wie lange noch müssen Menschen in diesem Staat um ihr Leben fürchten?

Gewiß, auch der Mord von Mölln, dem zwei türkische Kinder und eine Frau zum Opfer fielen, ist zuerst die Tat eines ruchlosen Verbrechers. Wir wissen bisher nichts über ihn, nichts über Hintermänner und die wirklichen Beweggründe. Nur dies: "Heil Hitler!" habe jemand ins Telephon gerufen, nachdem der Brand gelegt worden war.

Aber eines wissen wir doch nur zu genau: Diese Untat fällt zugleich uns allen zur Last. Wir ahnen, daß die abscheulichen Gewalttaten der vergangenen Monate etwas zu tun haben mit der gegenwärtigen Verfassung unseres Landes – ob sie sich nun gegen Ausländer richteten, gegen Polizisten oder andere Landsleute. Was also ist los mit uns Deutschen?

Was ist aus dem Land geworden, das sich vor eben zwei Jahren zum zweiten Mal in seiner Geschichte vereinigt hat (diesmal friedlich und mit Zustimmung seiner Nachbarn), dessen Osten sich vor drei Jahren ohne jedes Blutvergießen der zweiten deutschen Diktatur entledigt hat? Noch immer leben wir unter der besten Verfassung, die Deutschland je hatte, Noch immer setzen wir auf eine der stabilsten Demokratien, eine der offensten Gesellschaften des Westens. Doch mitten im Frieden zeigt sich die Fratze der Gewalt. Wie weit also dürfen wir, dürfen unsere Nachbarn dem Frieden noch trauen?

Ein paradoxer Friede: Dieses Land will im Grunde nichts als seine Ruhe haben. Und weil es diese Ruhe noch lange nicht finden kann, regen sich – an den Rändern sichtbar, aber im Inneren zu spüren – Aufruhr und Aggressionen.

Die Bundesrepublik wolle, so höhnten viele noch vor wenigen Monaten, im Grunde nichts anderes sein als eine riesengroße Schweiz. Der Spott schien keine Grenzen zu kennen: Die Deutschen als Duckmäuser, als eine Nation ohne Bereitschaft, in den internationalen Händeln vom Golfkrieg bis zum Jugoslawienkonflikt eine Rolle zu spielen – hatten sie ihre Nachkriegslektionen zu eifrig gelernt, bis hin zur Machtvergessenheit, will sagen: Feigheit?

Dieses deutsche Paradox ist in erster Linie die Folge der Wiedervereinigung und der weltpolitischen Umwälzungen, die ihr vorausgingen. All unsere Gewißheiten im Inneren wie nach außen sind in Frage gestellt worden. Die Ostdeutschen wähnten sich für einen illusionären Augenblick auf dem breiten Weg ins westliche Wohlstandsparadies, die Westdeutschen hofften, sie könnten bequem so weiterleben wie bisher – und beide ließen sich von der Regierungspolitik willig in diesem Glauben wiegen. Weil sie von der Politik zunächst restlos unterfordert wurden, fühlen sie sich jetzt ratlos überfordert und reagieren darauf teils unbestimmt irritiert, teils ausgesprochen gereizt.