Von Vera Graaf

Die Halle ist mit weißen Blüten geschmückt. Kellner reichen Tabletts mit Shrimps und Happen herum. Es gibt Champagner und Drinks, das Stimmengewirr driftet über den Broadway und verliert sich im Getöse des New Yorker Verkehrs.

Die Gäste: 500 schwule Männer und eine Handvoll Frauen. Zwischen den Gesunden stehen Kranke – Männer mit den roten Flecken des aidstypischen Kaposi-Sarkoms im Gesicht, Männer, die an Krücken humpeln. Einer trägt eine Mütze, die seine durch die Therapie enthaarte Kopfhaut verdeckt.

Wir sind bei einem "Memorial Service" in New York, einer Trauerfeier, wie sie in letzter Zeit immer häufiger stattfinden. "Um mich herum stirbt alles", sagt einer der Gäste, der Innenarchitekt Bob Bray, "wie viele sind es inzwischen? Hunderte, die ich persönlich gekannt habe, Tausende, die ich dem Namen nach kannte." Wie Veteranen eines nicht zu gewinnenden Krieges stehen die Trauernden hier, umarmen sich, halten sich tapfer am Glas, fest, denn ob es ein Morgen geben wird, ist für viele ungewiß.

"Früher waren wir die wilden Partyboys. Heute treffen wir uns nur noch regelmäßig zu Trauerfeiern", meint einer der Gäste, während er nachdenklich in dem Büchlein blättert, das am Eingang ausliegt. Es zeigt Photos des Verstorbenen, eines jungen Mannes namens Arthur. Nach dem Volleyballspiel am Strand, beim Sonnenbaden. Und in drag, als Dame verkleidet, mit Rüschenkleid und hochhackigen Pumps. Ein relativ "normales" Leben für einen jungen schwulen New Yorker und gewiß für Arthur, der seinen Lebensunterhalt mit dem kunstvollen Arrangieren von Blumen verdiente. Doch gewiß nicht normal für eine Mutter, die aus der gottesfürchtigen Provinz stammt. Arthurs Mutter, ebenso wie den Rest der Familie, sucht man hier denn auch vergebens. Für den "Umgang" des Sohnes, die Zeugnisse dieses Lebens, für die freizügigen Reden, in denen von Männerliebe und auch Sex die Rede ist, hat kaum eine Mutter Verständnis. Ähnliches gilt für Kirche und Gemeinde, und so ist der Memorial Service zum Ritual der Außenseiter geworden.

"Wir Schwulen haben den Memorial Service zu einem echten Schwulenereignis gemacht", meint der Innenarchitekt Michael Schaible, "nicht weil wir es so wollten – sondern weil wir mußten. Die Kirche wollte uns nicht begraben, und dazu kommt noch das Element der Scham und der Verwirrung, wenn es um die Angehörigen geht."

Plötzlich wird das Partygetöse unterbrochen. Ein Redner erscheint auf der Bühne, die Gesellschaft wird still. Der Mann am Rednerpult hat Mühe, Haltung zu bewahren. Mit leiser Stimme beginnt er zu sprechen. Seine Erinnerungen weben ein buntes Bild, hinter dem sich die grimme Realität verbirgt. Arthur, ganze 34 Jahre alt, ist vor zehn Monaten im New Yorker St. Vincent’s Hospital an Aids gestorben. Der Schock steht seinem lover heute noch im Gesicht.