Von Maria Huber

Der Farmer faucht. Es ist zu kalt für seine rund 300 Schweine. In Gordino, einer kleinen Siedlung 150 Kilometer westlich von Moskau, zeigt das Thermometer zwar erst wenige Grade unter Null. Doch ein eisiger Wind peitscht über die Ebene gegen die Betonwände des sechzig Meter langen Schweinestalls. Walentin Dmitrijew machen gerade acht winzige Ferkel Sorge: "Dieser Wurf ist von gestern. Und da steht mein Elektroofen. Der müßte heiße Luft über die Tiere zirkulieren lassen. Doch die Techniker sind schon wieder nicht gekommen."

Schließlich kommt der Wolga mit dem Chefingenieur von Agro-Service wenige Minuten später doch noch – Druck "von oben" hatte etwas nachgeholfen. Der energische Farmer war nämlich zuvor extra in die Kreisstadt gefahren, zum Verwaltungschef des Rayons Schachowskoj. Und dieser Chef ist Nikolaj Trawkin, populistischer Vorsitzender der Demokratischen Partei Rußlands, noch bekannter als einer der Führer in der einflußreichen Oppositionsbewegung "Bürgerunion". Trawkin, Freund des Farmers schon seit Jugendtagen, griff sofort zum Telephon. Und Agro-Service spurte.

Wenn es in Rußland immer so einfach ginge, ließen sich viele Kolchosen schnell auflösen. An Stelle der ineffektiven Staatsbetriebe könnten – als Pächter oder Eigentümer – Ferner treten, wie die Russen die privaten Landwirte nennen. Doch um auch nur die bereits angemeldeten 150 000 Bauernbetriebe lebensfähig zu machen und mit dem nötigen Kapital auszustatten, sind nach Ansicht von Vizepräsident Alexander Rutzkoj 4,5 Billionen Rubel erforderlich. "Dieses Geld haben wir nicht. Deshalb kann eine private Bauernschaft nicht das Hauptziel der Reform sein", sagt der Exkampfflieger, den Rußlands Präsident Boris Jelzin im vergangenen Februar auf den Schleudersitz eines Beauftragten für die Landwirtschaft gehievt hat. "Entscheidend ist nicht das Privateigentum an Boden, sondern die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu bezahlbaren Preisen."

Rutzkoj, ebenfalls Führer der "Bürgerunion", ist sich mit Trawkin einig im Kampf gegen die Schocktherapie der Regierung Jelzins und Ministerpräsident Jegor Gajdars. Denn sie hat die Lebenshaltungskosten in die Höhe getrieben und damit die Nachfrage nach Agrarprodukten gedrosselt. In diesem Herbst verkauften die staatlichen Lebensmittelläden fast 30 Prozent weniger Fleisch und 25 Prozent weniger Milch als noch vor einem Jahr. In nur 25 von 76 Städten fanden die Behörden bei Stichproben im September Fleisch auf den staatlichen Ladentischen. Solche Statistiken dienen den Gegnern der Privatisierung als Argument, um die geplante Auflösung der Kolchosen als Marsch in den Hungerwinter darzustellen.

Der Landkreis Schachowskoj mit seinen 25 000 Einwohnern und 30 000 Kühen ist auf Milch- und Fleischproduktion spezialisiert. In Scharen kommen die Moskauer – und das erfassen die Statistiken nicht – mit Nahverkehrszügen, um sich hier einzudecken. Das Fleisch ist frisch und nicht halb verrottet wie in den Staatsläden; es kostet nur ein Drittel soviel wie auf den besser belieferten, aber sündhaft teuren, von der Mafia kontrollierten Moskauer Märkten.

In Schachowskoj haben sich inzwischen alle sieben Staatsgüter (Sowchosen) in "Aktiengesellschaften" umgewandelt. Selbst einer der beiden Kollektivbetriebe (Kolchosen) des Landkreises hat diese Form gewählt. Doch auch die Aktiengesellschaften müssen weiter den alten Staatsauftrag (Gossakas) erfüllen. In diesem Jahr müssen sie 45 Prozent vom Durchschnittsertrag der vergangenen fünf Jahre an den Staat verkaufen. Mit dieser Verpflichtung versucht die Regierung, die Versorgung insbesondere von Großstädten und klimatisch benachteiligten Gebieten sicherzustellen.