Von Martin Klingst

Potsdam

Beißender Zigarettenqualm dringt aus der Amtsstube der Potsdamer Polizei. Einige der diensthabenden Beamten rühren gelangweilt in ihren Kaffeetassen. Manche lesen Zeitung oder erzählen den Witz des Tages. Andere hämmern in die Schreibmaschinen und füllen Formulare aus. Wenn die Tür aufgeht, heben sie kurz die Blicke auf von der Streifenfahrt zurückkehrende Kollegen: "Gab’s was?" – "Nee, bislang hat keiner Ärger gemacht", lautet jeweils die Antwort.

Es ist Freitagabend, 20 Uhr. Normalerweise ist um diese Zeit mehr los. In der Nacht zuvor herrschte beim Potsdamer Sondereinsatztrupp zur Bekämpfung des Rechtsextremismus Hochbetrieb. Zwanzig Mann durchkämmten eine Unterkunft für Asylbewerber nach Diebesgut. Sie nahmen eine Handvoll Ausländer fest, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besaßen. Später mußten sie mit Schlagstock und Helm vor ein anderes Asylbewerberheim eilen, weil dort Rechtsradikale Hetzparolen skandierten. Vor wenigen Wochen, als die Überfälle auf Ausländer immer brutaler wurden, als Brandsätze flogen, hat die Polizeidirektion Potsdam die Sondereinsatztruppe zusammengestellt. Dreißig Polizisten schieben seitdem Nacht für Nacht Wache auf Potsdams Straßen. Zehn kommen von der ehemaligen Volkspolizei, weitere zehn stellt die örtliche Bereitschaftspolizei, das letzte Drittel ist aus Nordrhein-Westfalen abgeordnet.

"Präsenz auf der Straße ist das Gebot der Stunde", erläutert Hartmut Bosch sein Sicherheitskonzept. Der Leiter der Polizeiabteilung im brandenburgischen Innenministerium ist maßgeblich am Aufbau der Polizei in diesem neuen Bundesland beteiligt. Er hat sich von Anfang an dafür eingesetzt, daß seine Heimat Nordrhein-Westfalen diese Aufbauleistung "mit Geld, Ideen und Menschen" unterstützt. Erfahrene Westler, so Bosch, sollen die Ostler im Streifendienst unterstützen, ihnen den Umgang mit der neuen Funktechnik erklären. Sie sollen sie "kameradschaftlich und nicht oberlehrerhaft" anleiten, wie gefährliche Situationen zu entschärfen und Provokateure und Randalierer zur Räson zu bringen sind.

Seine ostdeutschen Kollegen, meint Polizeiobermeister Hans-Jürgen Hoppe, seien alles gute und fähige Leute. Aber die Organisation sei zum großen Teil "hundsmiserabel". Da wisse oft der eine nicht, was der andere tue. "Und alle starren stur zu ihren Vorgesetzten." Klaus-Dieter Veit, früher zwanzig Jahre bei der DDR-Transportpolizei, pflichtet ihm bei: "Wir trugen als Volkspolizisten kaum Verantwortung; wir erhielten Befehle und führten sie aus. Nun sollen wir plötzlich selbständig handeln, pausenlos neue Vorschriften pauken und erleben täglich, wie die Gewalt auf der Straße wächst und der Respekt vor der Polizei schwindet."

Der Verlust an Ansehen und Autorität macht Veit schwer zu schaffen. In der DDR begegnete man ihm noch mit Achtung. Doch in seiner neuen Uniform nehmen ihn viele nicht mehr ernst.