Nun gibt es doch noch eine Chance für die Liberalisierungsgespräche im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt). Monatelang hatten Europäer und Amerikaner um Weizen und Raps gestritten, dafür sogar einen Handelskrieg riskiert. Nun ist der Kompromiß da und ungeachtet der Widerstände Frankreichs sind in Genf wieder die Unterhändler der 108 Gatt-Mitglieder im zuständigen Ausschuß (Trade Negotiations Committee, TNC) zusammengekommen – Auftakt für einen aufreibenden Endspurt: Am Jahresende soll die vor sechs Jahren im uruguayischen Seebad Punta del Este begonnene "Uruguay-Runde" mit einem Erfolg zu Ende gehen.

Zwar betraf der bisherige Agrarstreit lediglich einen Bruchteil des Welthandels. Da aber bei Handelsgesprächen immer alles mit allem zusammenhängt, wären ohne eine Einigung hier alle anderen bisher erzielten Kompromisse hinfällig geworden. So wären etwa Agrarexporteure wie Australien und Neuseeland, aber auch Argentinien, Brasilien und Mexiko ohne Zugeständnisse der Europäer bei den Agrarsubventionen kaum bereit gewesen, ihrerseits Handelsschranken abzubauen.

Immerhin hat die Uruguay-Runde auf vielen Gebieten schon erstaunliche Erfolge erzielt – unter anderem deshalb, weil der anfangs befürchtete Nord-Süd-Streit ausgeblieben ist. Im Laufe der sechs Jahre entdeckten immer mehr Entwicklungsländer ihre eigenen Vorteile aus einem offenen Welthandel. So kam es zu Vereinbarungen über weitgehende Zollsenkungen, über den freieren Handel mit Textilien und tropischen Früchten, über Anti-Dumping-Regeln und den wirksameren Schutz vor Produktpiraten und Raubkopierern. Gatt-Generaldirektor Arthur Dunkel hat diese Verhandlungsergebnisse vor einem Jahr in einem hundert Seiten dicken Papier zusammengefaßt; es dürfte Grundlage für einen Kompromiß sein.

Am meisten Zündstoff liegt jetzt noch in jenem Gatt-Projekt, von dem die Durchschnittsbürger in Deutschland wohl am meisten spüren werden – der Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen: Dürfen ausländische Banken und Versicherungen künftig überall gleichberechtigt tätig werden? Werden die Monopole der nationalen Telephongesellschaften geknackt? Dürfen EG-Regierungen weiterhin eine Obergrenze für den Anteil ausländischer Fernsehserien vorschreiben? Werden ausländische Reedereien künftig auch in Inlandsmärkte einbrechen können? Die Verhandlungen dürften spannend werden: Einerseits sehen die Industrieländer im Dienstleistungshandel große Chancen für sich, andererseits fürchten sie zunehmend die Konkurrenz aufstrebender Schwellenländer.

Gefahr könnte der Gatt-Runde aber auch noch einmal von der Landwirtschaft drohen. So wehren sich Korea und Japan immer noch gegen bescheidene Schritte zur Öffnung ihrer Reismärkte. Und – Treppenwitz der Geschichte – die EG plant ernsthaft, die Zollschranken für Bananen noch einmal höher zu setzen. Nikolaus Piper