Bei der "Party im Hause des Bankiers" (Kapitel 1) kommt es zur "Liebelei" (Kapitel 2), fragen sich die fremdgehende Ehefrau und der Photograph, "Wie man einen Komplex los wird" (Kapitel 4). Dies und anderes führt – wir haben es mit Intellektuellen zu tun – zu Tiefschürfendem über "Eros und Thanatos" (Kapitel 17), "Frauen" (Kapitel 21), "Gott" (Kapitel 22) und "Billig-Metaphysik" (Kapitel 23) im "Leben" (Kapitel 24) an sich von "Rio de Janeiro by night" (Kapitel 25). Hinter alldem steckt natürlich "Die Organisation" (Kapitel 18), und in Wirklichkeit geht es um die "hierarchischen Kanäle der Macht", den "Präsidenten", den "Putsch des Generals Gouvêa", den "Tod einer Figur". Es ist wie immer: "Die Justiz kommt zu spät und irrt", alle beschäftigt die Frage: "Geht es am Gerichtsmedizinischen Institut mit rechten Dingen zu?" Es kommt zu einer "Pressekonferenz", wo eine "Flut von Schmutz" überschwappt...

Wie bei den in Brasilien beim "Volk" so beliebten und der Intelligenzija so verhaßten Fernsehserien klingen auch in Sergio Sant’Annas soeben auf deutsch erschienenem Roman "Amazone" schon in den Kapitelüberschriften die zentralen Themen an. "Das Drama unserer Generation – eine Fernsehserie", so räsonierte schon im Zweipersonenstück "Romance de geração" aus dem Jahr 1980 ein alter 68er nach dem Marsch durch die Fenseh- und andere Institutionen in seinem Apartment an der Copacabana. Zwischen Suff und schlappem Sex brütete er über seine Vergangenheit als Studentenführer, Botschaftsentführer und Frauenverführer und quälte sich den "Roman seiner Generation ab". Mit "Amazone" hat Sergio Sant’Anna 1986 im redemokratisierten Brasilien genau diesen Roman geschrieben.

Für den deutschen Leser ist dies Buch deshalb so wichtig, weil es dem immer noch exotischen Bild der brasilianischen Literatur eine neue Facette hinzufügt: nach der Widerspiegelung jüngster Geschichte im Werk Antonio Callados, Ignäcio de Loyola Brandäos oder Ivan Angelos, der Literatur über die Jahre des Schweigens, nach der Bekenntnisliteratur eines Fernando Gabeira hier nun bei Sergio Sant’Anna der sarkastische und selbstironische Rundumschlag eines angry old boy gegen Geschichten, die das linke Leben schrieb. In der Typologie der Figuren knüpft er an die "Crönicas" des Partyschrecks Nelson Rodrigues an, der schon in den sechziger Jahren eine Horrorgalerie pseudoengagierter linker und rechter Kämpfer im Dunstkreis des Bürgertums schuf. Sergio Sant’Anna schreibt Geschichte als lukratives Fortsetzungsfernsehdrama von stromlinienförmigem Widerstand und querliegender Anpassung, Erpressung, Koks und Korruption plus internationaler Verwicklungen. Aufgeschwemmte Chicago Boys, liberale Intellektuelle (nach der runden Nickelbrille die Brille mit Goldrand) triefen vor kritischer Selbstreflexion, proletarischen Identifikationssprechblasen, Selbsterfahrung, Lesefrüchten aus Philosophie, Wirtschaft, Kunst und Knowhow auf allen Gebieten. Genauso flott und flapsig wie das Original trifft auch Frank Heiberts Übersetzung ins Ziel. Henry Thorau

Sergio Sant’Anna:

Amazone

Aus dem Brasilianischen von Frank Heibert; Verlag Zebra, Edition diá 1992; 249 S., 36‚– DM