Von Klaus Jopp

Mächtig dampfend setzt sich die Schnellzuglok der Baureihe 01. 10 in Bewegung, am Haken den hellerleuchteten D-93 von Köln nach Hamburg-Altona. Deutlich ist der typische Sound des Dreizylinder-Triebwerks zu hören. Auf dem Nachbargleis verläßt mit bulligem Dieselgedröhn ein Schienenbus VT 98 den Bahnhof.

Eine Filmszene von Anno 1965? Nein, eine digitale Modellbahnanlage, nachgestellt im Maßstab 1 : 87 (der von Kennern als Ha-Null (HO) bezeichnet wird). Auf der Internationalen Ausstellung für Modelleisenbahnen in Köln, die an nur fünf Novembertagen über 100 000 Besucher aufs Messegelände am Rhein lockte, stand die digitale Modellbahnsteuerung im Mittelpunkt des Interesses – sie nämlich macht den fernbedienten Rauchgenerator, die flackerfreie Wagenbeleuchtung, die Geräuschkulisse und vor allem die entkoppelte Steuerung mehrerer Loks auf einem Gleis möglich.

Jetzt, in der trüben Jahreszeit, beginnen Hunderttausende wieder in Kellern und auf Dachböden zu basteln und zu werkeln, um Gleisstraßen und Bahnhofsvorfelder, Gefällestrecken und Rangierharfen entstehen zu lassen. Die Welt der kleinen Spurweiten ist immer noch eines der beliebtesten Freizeitvergnügen. Rund acht Millionen Väter und Söhne, so schätzen Experten, beschäftigen sich mit der Bahn im Haus. Dieses Jahr steigt der Branchenumsatz um drei bis vier Prozent auf insgesamt 650 Millionen Mark, was weiterhin Platz eins im Spielwarensortiment bedeutet, obwohl es fast ausschließlich Männer und Jungen sind, die Bahnhofsvorsteher und Lokführer mimen.

Das klassische Spielzeug erlebt derweil eine digitale Revolution. Sie soll das Spiel mit Zügen, Weichen und Signalen dem geliebten Vorbild noch ein ganzes Stück näherbringen und zugleich den Nachwuchs anlocken. Denn anstatt daß mit ihnen gespielt wird, verstauben viele Traumloks derzeit in Kästen und Vitrinen, ohne je einen Meter Gleis unter die Räder zu bekommen. Extrem fein detaillierte Loks und Wagen sowie überbordende Sonderserien haben zwar die Sammelwut befriedigt, aber auch die Preise in die Höhe getrieben – aus dem Spielzeug der Söhne wurde eine kostspielige Leidenschaft der Väter, die Hunderte oder Tausende Mark verschlingt. Die Generation der Gameboy-Kids dagegen steht qualmenden Schloten und mannshohen Treibrädern eher verständnislos gegenüber. Doch die digitale Revolution mit Bits und Bytes könnte das wieder ändern.

Einer ihrer Väter ist Bernd Lenz, dem schon 1985 das Patent auf eine "kompatible Mehrzugsteuerung" erteilt wurde. Der heutige Inhaber der Lenz Elektronik GmbH trieb sich als kleiner Junge auf dem Trennungsbahnhof von Gießen herum und ärgerte sich darüber, daß der rege Zugverkehr nicht auf die Modellbahn übertragbar war. Lokomotiven, die völlig unabhängig voneinander das gleiche Gleis befahren, waren damals ein unerfüllbarer Wunschtraum für Modellbahner. Im Gegensatz zum großen Vorbild hängen Lokomotiven der kleinen Spurweiten nämlich alle gemeinsam am Strom, der durch die Gleise fließt. Deshalb setzen sich Loks herkömmlichen Typs, die sich in einem Stromkreis befinden, alle gleichzeitig in Bewegung, wenn der Fahrdienstleiter am Transformator Saft gibt. Die Mikroprozessortechnik brachte Lenz dann auf die elektrisierende Idee, eine unabhängige Mehrzugsteuerung aufzubauen, in der eine Zentrale mit Empfängern, die in die Lokomotiven eingebaut werden, digital kommuniziert.

Zur Datenübermittlung reichen zwei Drähte von der Zentrale ans Gleis. Alle Steuerbefehle wie Abfahren und Anhalten, Beschleunigen oder Abbremsen werden als Folgen von Stromimpulsen gegeben, die wiederum Folgen der zwei Computerziffern (Digits) Null und Eins repräsentieren. Die Empfänger werden so programmiert, daß sie auf bestimmte Signale reagieren – je nach aufgerufener Loknummer fühlt sich nur eine Lok durch den speziellen Code angesprochen und tut, was sie soll. Nach und nach können mehrere Züge in Fahrt gesetzt und mit vorgegebener Geschwindigkeit über die Modellanlage dirigiert werden – vorausgesetzt, der Mann mit der roten Mütze bedient rechtzeitig und richtig seine Weichen und Signale.