Von Christian Tenbrock

Die Rechnung: 23 000 Dollar pro Sekunde, zwei Milliarden Dollar am Tag, 733 Milliarden Dollar im Jahr. Soviel bezahlen die Vereinigten Staaten für ihr Gesundheitswesen. 1991 gab die reichste Nation der Welt fast dreizehn Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts dafür aus, kranke Amerikaner wieder gesund zu machen. Mehr Geld verwendete für diesen Zweck kein anderer Staat der Erde.

In kaum einer anderen Industrienation steht dem finanziellen Aufwand aber auch ein schlechteres Ergebnis gegenüber. Die Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten ist geringer als in fünfzehn weiteren Ländern, die Kindersterblichkeit höher als in 22 Staaten. Und während fünf Prozent der Bevölkerung Amerikas rund die Hälfte aller Gesundheitsausgaben im Lande konsumieren, müssen 35 Millionen Amerikaner ohne jegliche Krankenversicherung auskommen. Unter ihnen sind acht Millionen Kinder, die während ihrer Jugend fast nie einen Arzt sehen – auch dann nicht, wenn sie wirklich krank sind.

Es dauerte lange, bevor diese Fakten ins Bewußtsein der amerikanischen Öffentlichkeit sickerten. Noch vor zwei Jahren war der Ruf nach einer Reform des Gesundheitswesens nur als leises Donnergrollen vernehmbar. Im Wahljahr 1992 aber war es Amerikas künftiger Präsident Bill Clinton selbst, der das Wohl der Kranken auf die Fahnen schrieb. Wandel solle auch im Gesundheitswesen Einzug halten, in den ersten einhundert Tagen seiner Amtszeit werde er mit entsprechenden Gesetzen aufwarten, versprach Clinton. Die Wähler hörten ihn: Sieben von zehn stimmten für den Demokraten, weil er ihrer Ansicht nach überhaupt ein Reformkonzept anbieten konnte.

Aber Clinton wird es nicht leicht haben. Die Reformierung des maroden Gesundheitswesens sei "vergleichbar mit der Überholung der alten sowjetischen Planwirtschaft", schrieb das Magazin US News & World Report. Um die Probleme des Systems zu kurieren, müsse der kommende Präsident "die Fähigkeiten eines Arztes in der Notaufnahme mit der eines Ökonomen und eines Wunderheilers kombinieren", fügte die New York Times hinzu. Wie in anderen Ländern krankt auch Amerikas Gesundheitswesen an der Konkurrenz egoistischer Interessen: Unternehmen und Mediziner, Krankenhäuser und Versicherungen, Arbeiter und Seniorenverbände – alle wollen die Reform, aber niemand will dabei verlieren. Einigkeit besteht einzig darüber, daß das System am Krückstock geht. Pro Kopf sind die Aufwendungen für die Kranken fast doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik. Verändert sich nichts, wird die gesamtwirtschaftliche Gesundheitsrechnung sich in zehn Jahren noch einmal verdoppelt haben. Dennoch hat Amerika nicht genügend Geld, um allen Kindern eine Masern-Schutzimpfung zu geben; die Tuberkulose ist wieder auf dem Vormarsch. Manche Familien fallen in Armut, wenn Kinder oder Eltern von schweren Krankheiten heimgesucht werden. Den Unternehmen wächst die Gesundheitsfürsorge für ihre Angestellten und Arbeiter über den Kopf.

Auch der Staat gerät immer weiter in die roten Zahlen, weil die Ausgaben für Medicare und Medicaid, die Krankenversicherungen für Alte und Arme, seit Jahren schneller steigen als die Inflation. Amerikas krankes Gesundheitssystem ist die wichtigste Ursache für das horrende Loch im staatlichen Haushalt. "Die Kosten gehen rapide in die Höhe", sagt Marilyn Moon, Expertin am Washingtoner Urban Institute. "Die Folge ist, daß immer mehr Menschen ohne Versicherung bleiben und sich das Land als Ganzes viele andere Dinge nicht mehr leisten kann."

Das System steht am Rande des Bankrotts, weil es keine Mechanismen gibt, die die Kostensteigerungen regulieren. Seit einem halben Jahrhundert basiert es darauf, daß Firmen für die Gesundheitsfürsorge ihrer Beschäftigten aufkommen. Neun von zehn der 173 Millionen Amerikaner mit einer privaten Krankenversicherung sind so heute über den eigenen Arbeitgeber oder den ihrer Familien versorgt. Weil die Unternehmen zahlen, haben Arbeiter und Angestellte kaum einen Anreiz, die Kosten niedrig zu halten. Das gleiche gilt für Ärzte und Krankenhäuser, denen jede Dienstleistung einzeln vergolten wird. Die Versicherung wird zum Blankoscheck – mit üblen Folgen: