Von Klaus Kreimeier

Was ist eine "Nerve Bible"? Man erfährt es nicht genau. Die amerikanische Künstlerin Laune Anderson, die in diesem Jahr eine "Nerve Bible Show" ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hat, schlägt vor, jeden Menschen als eine Art Nerven-Bibliothek zu betrachten. Jedenfalls sei das Geschichtenerzählen fast so alt wie die Erfindung des Feuers. Die Domestizierung des Feuers ist ins Stadium der Elektronik eingetreten, und so bedient sich Laurie Anderson eben elektronischer Mittel, um ihre Geschichten zu erzählen.

Die Dame ist eine merkwürdig affektierte Kunstfigur, aber Alexander Kluge entlockt ihr mit Hilfe einiger Zwischenfragen Tatsachen, die man auf diese Weise nur in RTLplus erfährt. Wußten Sie zum Beispiel, daß George Bush bei seinem eklatant gescheiterten Japan-Besuch nicht nur einen Kollaps hatte, sondern sich alle fünfzehn Minuten übergeben mußte? Ein kommerzieller japanischer TV-Sender hat das Debakel akribisch aufgezeichnet. Die Bilder sind da, aber kein News-Channel, keine der großen Agenturen hat sie übernommen. Der tägliche Nachrichten-Verschnitt ist ein Lügengespinst; die Lüge besteht – wir ahnten es längst – in der Auslassung.

Steckt die Lüge in den Bildern selbst? Man kann die Bilder zum Lügen bringen. Das meinten jedenfalls die Anwälte jener weißen Polizisten, die den Schwarzen Rodney King zusammengeschlagen hatten, dabei von einem Amateur gefilmt worden waren und sich nun vor einem kalifornischen Gericht verantworten mußten. Die Anwälte zerlegten das Video per Einzelbildschaltung in seine kleinsten semiotischen Einheiten und erbrachten so den "Nachweis", daß ihre Mandanten Rodney King gar nicht geschlagen hatten. Godards Erkenntnis, daß eine Filmsekunde sich aus 24 Lügen zusammensetzt, war bei ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen.

All dies erfuhr an einem heißen Juli-Abend, kurz nach elf, wer gerade "Columbo" überstanden und das "Männermagazin" noch vor sich hatte ...

dctp

Jede Sendung, zwischen 25 und 30 Minuten lang, beginnt und endet mit dem eingerahmten Kürzel "dctp". Das Signet steht für die Firma, die der Schriftsteller, Filmregisseur und Medienpolitiker Alexander Kluge vor ein paar Jahren in Kooperation mit einem japanischen Werbekonzern gegründet hat. Sein Ziel war, den Privatsendern RTLplus und SAT 1 ein Kulturprogramm abzulisten, das kein anderer als Dr. jur. Kluge selbst zu realisieren versprach. So entstanden Sendungen wie "Zehn vor Elf", "Primetime" und "News & Stories" – allwöchentliche Spuren eines Unerschrockenen, der in der Feldschlacht der Mediengiganten als sanfter Krieger und legaler Guerillero seine, wie es scheint, unbeirrbare Bahn zieht.