Auf dünnen erotischen Beinchen kam Puschkin in die große Dichtung hereingelaufen und löste einen Tumult aus", freut sich Abram Terc in den "Spaziergängen mit Puschkin".

Auf plumpen pornographischen Plattfüßen will Michail Armalinskij ihn wieder aus der großen Dichtung hinausbefördern. Und der Eichborn Verlag hilft ihm dabei. In seiner lila "Erotik-Reihe" brachte er jenes angeblich "geheime", weil "erotische" Tagebuch Alexander Puschkins (1836-1837) heraus, das andere deutsche Verlage der Veröffentlichung nicht für wert hielten.

In die Welt gesetzt hat dieses "Tagebuch" ein gewisser Armalinskij, der sich in seinem "Notwendigen Vorwort" als "Dichter" vorstellt. 1977 aus Leningrad in die Vereinigten Staaten emigriert, gab der unselige Armalinskij nicht etwa schleunigst seine eigenen Werke heraus, sondern eben – nach etlichen Jahren – jenes "Tagebuch", das er aus Leningrad mitgebracht haben will.

Eines Tages nämlich suchte den Ausreisenden ein gutaussehender alter Mann namens Nikolaj Pawlowitsch auf. Einen Familiennamen hatte er nicht, dafür aber eine ganz neue Zahnprothese. Und das gibt der Person doch ungemein Realität.

Dieser Nikolaj Pawlowitsch hat das original französisch geschriebene, chiffrierte Tagebuch eines Autors aus dem vergangenen Jahrhundert mühevoll ins Russische dechiffriert und bittet unseren jungen Dichter, es zur Publikation ins Ausland zu befördern. Kaum hat Armalinskij das beim holländischen Botschafter in Moskau bewerkstelligt und dabei den Namen Puschkin auf dem Titelblatt erspäht, hat er natürlich sofort eine Menge Fragen. Aber Pawlowitsch ist natürlich spurlos verschwunden.

Glücklich in Amerika angekommen und wieder mit dem Manuskript vereint, ist Armalinskij nach dessen Lektüre "überwältigt", denkt aber nicht an Veröffentlichung. Da stiehlt ihm einer das Konvolut. Und jetzt, jetzt muß unser selbstloser, nicht mehr ganz so jugendlicher Held natürlich die Kopie, die er sich zufällig machen ließ, veröffentlichen, bevor irgend so ein gewissenloser Stümper ihm zuvorkommt und womöglich aus falscher Scham den ganzen, den wahren Puschkin beschneidet.

Daraus hätte vielleicht eine amüsante Erzählung werden können. Aber wer hätte die gekauft? Und darum ging es dem frischgebackenen Amerikaner Armalinskij doch ganz entschieden: ums Geld. Aber Puschkin als geheimen Pornographen ausgeben – das wäre natürlich das große Geschäft. Nur mußte noch der erste Dumme gefunden werden, der in dieses Geschäft einwilligte. Er fand sich. So kam es, daß im Jahre 1991 in Minneapolis, Minnesota ein "Geheimes Tagebuch" von Puschkin erschien. Und damit bekam die Fälschung gleich ungemein Realität. Wieviel mehr aber erst, als der Rubel rollte! Jetzt brauchten wir unbedingt auch eine italienische, schwedische, französische und vor allem – eine deutsche Übersetzung. Und so kam es, daß Eichborn seine lila Pausen damit füllte.