Von Hansjakob Stehle

Bozen

Die Südtiroler hätten allen Grund, zufrieden zu sein – wie kaum eine andere nationale Minderheit in Europa. Das Autonomiepaket, das sie dem italienischen Staat in Jahrzehnten abgetrotzt haben, wird sogar von den Polen in Litauen und den Ungarn in der Slowakei als Vorbild gepriesen. Schon fürchten wackere Volkstumskämpfer, Südtirol könnte von den Höhen immer neuer Krisen zur bloß noch ruhigen, reichsten und ordentlichsten Provinz Italiens "herabsinken". Auch der Generationenwechsel an der Spitze der Volkspartei (SVP) schien von derlei untergründiger Furcht vor idyllischen Zuständen überschattet.

Doch Paukenschläge aus Rom und Wien sorgten gerade noch rechtzeitig für erwünschte Erregung. Noch bevor der 65jährige SVP-Chef Roland Riz am vorigen Wochenende das Steuer dem 39jährigen Siegfried Brugger überließ ("weil die Paketpolitik ausgeschöpft ist"), meldete sich der nationalliberale Minister Raffaele Costa mit einer Behauptung, die den Südtiroler Zorn erregte: Das Autonomiepaket sei keineswegs völkerrechtlich verankert und überhaupt eine "rein innerstaatliche Sache Italiens" – als ob es darüber kein österreichisch-italienisches Abkommen gäbe, keine vereinbarte Hinterlegung bei den Vereinten Nationen und der EG, keine Zuständigkeit des Haager Gerichtshofes.

Freilich haben sich die Streithähne mit verklausulierten Rechtsvorbehalten stets die Möglichkeit offengehalten, weiter zu krähen. So wie eben Costa, Italiens Minister für regionale Angelegenheiten, aber auch der römische Senatspräsident Spadolini, der nach Wien reiste, um in hohen Tönen für europäischen Föderalismus zu werben und zugleich darauf pocht: Südtirols Autonomie "bleibt im Bereich italienischer Souveränität".

Kein Wunder also, daß sich der italienischösterreichische Freundschaftsvertrag weiter verzögert, daß Italiens Staatspräsident seinen Wien-Besuch verschob und daß beim SVP-Parteitag ein eiserner Roland Riz vor seinem Abtritt noch einmal mit markigen Worten auftrat: Sollte die italienische Regierung wortbrüchig werden und das Südtirolproblem nur innerstaatlich behandeln, "dann verlangen wir die Unabhängigkeit und werden sie auch durchsetzen!" Das könnte nur "Freistaat" bedeuten – oder doch Anschluß ans "eigentliche Vaterland", wie Riz-Nachfolger Brugger sein Österreich nennt. Er, dessen Vater einmal die Gegner der Autonomielösung angeführt hat, gewann jetzt mit einem pragmatischen Programm eine knappe Mehrheit des Parteitags. Dann aber schaltete auch Brugger auf Dramatik: "Ich sehe schwierige Zeiten auf uns zukommen. Sie werden für die Minderheiten härter."

Italien ist jedoch kein Jugoslawien. Vernünftige Südtiroler bemühen sich jetzt mit Technik statt mit Ideologie um eine praktische, umweltfreundliche Überwindung der Brenner-Grenze. Etwa indem sie die Machbarkeit eines 54 Kilometer langen Basis-Tunnels studieren oder mit einer "Europäischen Akademie" in Bozen ohne Überfremdungsängste auch Sprachbarrieren zu überwinden versuchen. Vom Blick über die eigene Kirchturmspitze kann sie weder Herbstnebel noch politischer Theaterdonner abhalten.