Mit dem üblichen Musikbetrieb haben sie, beinahe, nichts zu tun. Sie kennen keine Tarifverträge, keine 40-Stunden-Woche, keine geregelte Arbeitszeit. Die Schallplattenindustrie führt sie nur selten in Versuchung, denn mit den Werken, die sie aufführen, können keine Profite erwirtschaftet werden. Das Sichengagieren ist ihnen wichtiger als das lukrative Engagement. Beim kleinen, aber feinen Zürcher Festival "Tage für Neue Musik" zeigte sich, daß es sich um eine exemplarische Entwicklung handelt: Immer mehr junge Musikerinnen und Musiker stellen sich der Gegenwart und spielen zeitgenössische Kompositionen.

Die verdienstvollen alten Stars der Neuen Musik ziehen sich allmählich zurück, aber eine neue Interpreten-Generation steht bereit: das in Holland gegründete Xenakis-Ensemble etwa und das Genfer Ensemble Contrechamps, das Züricher Ensemble S und – besonders hervorzuheben – das Freiburger Ensemble Recherche. Sie alle spielen die neuen Werke so souverän und virtuos wie andere Kammerorchester Tschaikowskys Streicherserenade oder Bachs Brandenburgische Konzerte und arbeiten mit derselben Sorgfalt an Stücken von Nachwuchskomponisten. Es gibt Grund zur Hoffnung: Wenn es die vielfach beschriebene Sackgasse überhaupt gibt, in der sich die Neue Musik befinden soll, dann werden diese Interpreten einen Weg heraus finden, und der muß nicht unbedingt rückwärts führen.

Ein Beispiel dafür war das diesjährige Zürcher Festival mit seinem schlüssigen, intelligenten Konzept: Im Mittelpunkt jedes Konzertes standen Werke für kleinere Besetzung des Altmeister Iannis Xenakis (aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages im Frühjahr), ergänzt durch Stücke noch ziemlich unbekannter Komponisten, darunter Beat Furrers "Gaspra", das in seiner Strenge und Kürze an die Prägnanz Weberns erinnert; Katja Tschemberdschis "Gegenüber", ein Dialog zwischen Holzbläser- und Streichtrio kurz vor dem Verstummen (oder kurz nach dem Schweigen?); Wiktor Ekimowskijs klar konstruierte, von pointillistischen zu flächigen Strukturen und wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrende "Doppelkammervariationen"; oder Carola Bauckholts zunächst irritierendes, dann kagelwitziges instrumentales Theaterstück "mehr oder weniger" mit obertonreichem Stühlerücken.

Daß aber auch versucht wird, die Neue Musik mit restaurativem Aplomb schnurstracks zurückzuführen, zeigte die in Zürich aufgeführte zeitgenössische Chormusik aus Rußland. Der eine komponiert eine Musik mit dem schönen Titel "Mildes Licht" und der frohen Botschaft: "Muttergottes, Jungfrau, freue dich". Der andere erfindet einen verworrenen "Vokalen Regen jenseits des Vergessens" und garniert die nasse Metaphorik mit alliterationsgespickten Texten wie "Flehend fließt die Flut der Fliehenden". Der dritte schreibt einen A-cappella-Hymnus, "Dank sei Gott für alles", mit triumphalem Schluß-Halleluja.

Alexandre Knaifel, Sergej Belimo, Anatolij Koroljow – drei Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion auf der Flucht vor der Zeit hinein in einen weitabgewandten "neuen Mystizismus". Die Erwartung, in diesem Konzert mit "aktueller" russischer Chormusik auf ein politisches oder zumindest kritisches Bewußtsein zu stoßen, wurde enttäuscht.

Krasser können die Gegensätze auch bei den Interpreten nicht sein. Im Vergleich zu den jungen westeuropäischen Ensembles wirkte der Kammerchor Sankt Petersburg in der Züricher Predigerkirche wie ein Fossil aus vergangener Zeit: Die 38 (!) Sängerinnen und Sänger des Kammerchores treten in Reih und Glied auf wie (in unseren Gefilden) allenfalls noch die dressierten Knabenchöre mit ihren schmucken Uniformen. Und wie es das Klischee von der russischen Seele – Wodka, Taiga, Gloria – verlangt, singen sie voller Inbrunst und Schwermut. In Anatolij Koroljows "Dank sei Gott für alles" löst sich aus dem Chorklang die Stimme eines Bassisten. Nach einer einfachen musikalischen Sequenz, immer eine Tonstufe höher, steigern sich das Iwan-Rebroff-Double und das Kollektiv zum alles befreienden, überfließenden Lob Gottes.

Nach den vorangegangenen sieben hervorragenden Konzerten klangen auch die "Madrigale von der Trennung" von Nikolaj Dranitzin bloß pseudoromantisch und – für westliche Ohren – kitschig. Ein engelhafter Solo-Sopran und ein lyrischer Tenor hatten diesmal den billigen Effekt von Weite und Melancholie. Extremstes Beispiel für diese Abkehr von der Welt war die Uraufführung von Alexandre Kanifels halbstündigem Werk "Mildes Licht" für eine Sopranistin und Tonband.