Obwohl jeder Esoteriker alle drei Minuten beteuert, daß es keinen Zufall gebe, spielt der Zufall überall eine große Rolle, nicht nur im ersten Satz der "Unkenrufe" von Grass: "Der Zufall stellte den Witwer neben die Witwe." Werner Schmidlis Roman "Kythera oder Das blaue Zimmer" beginnt so: "Manchmal baut uns das Leben Brücken aus Zufällen, um uns nachsichtig einen Entschluß abzunehmen .. .", und die Schäuble-Biographie von Werner Filmer und Heribert Schwan so: "Nichts scheint er mehr dem Zufall zu überlassen", und das Romandebüt von Rothmann so: "An dem Tag, an dem mir auffiel, daß es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber" – wobei dieser Satz fast wörtlich schon 1888 da war, in einem Brief von Nietzsche an Strindberg: "Da es in meinem Leben keinen Zufall mehr gibt, so sind Sie folglich auch kein Zufall." Kurz vorher ließ derselbe Nietzsche verlauten: "Schopenhauer war ein Zufall unter den Deutschen, wie ich ein solcher Zufall bin." Beide Aussagen umgehen Schopenhauers Theorem, daß der Zufall nur eine auf entfernterem Wege herankommende Notwendigkeit sei.

Und noch mehr diesseits von Schopenhauer und Nietzsche segeln all die heutigen Satzanfänge wie der von György Doczi: "Es ist kein Zufall, daß ein Architekt dieses Buch verfaßt hat, schließlich ist es die Aufgabe des Architekten, mit Proportionen zu arbeiten", oder der von C.G. Jung: "Es ist daher kein Zufall, daß es gerade ein Psychologe ist, der dieses Geleitwort schreibt." Folglich gibt es Geleitworte und Bücher, die rein zufällig von Architekten und Psychologen geschrieben werden, einzig die beiden vorliegenden Bücher entziehen sich solcher Zufälligkeit, ganz im Sinne der Aussage Dieter Duhms in seinem Buch über den unerlösten Eros: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil es notwendig war."

Solche Notwendigkeit wird rundum immer strenger; sie verbindet selbst unverträgliche Geister: Laut Joachim Ernst Berendt kann es kein Zufall sein, daß japanische – inzwischen auch amerikanische – Computerfirmen und kybernetische Institute in Zen-Klöstern nach Mitarbeitern Ausschau halten, und laut Jean Baudrillard ist es kein Zufall, daß die Mormonen das größte Datenverarbeitungssystem der ganzen Welt besitzen. Laut Enzensberger ist es "durchaus" kein Zufall, daß Weltbank und Internationaler Währungsfonds ihr Hauptquartier in der Hauptstadt des amerikanischen Imperiums aufgeschlagen haben, und laut Dietmar Kamper ist es "gewiß" kein Zufall, daß der größte Theoretiker der produktiven Überbietung, Hegel, vom Verschwinden als von einer "Furie" sprach. Und das ist nicht erst heute, sondern immer schon so gewesen, bereits 1956, als das Zentralkomitee der KPdSU betonte: "Es ist kein Zufall, daß die imperialistischen Kreise in den USA den größten Lärm um den in der UdSSR geführten Kampf gegen den Personenkult machen."

Dem ging schon seit 1916 Oswald Spengler voraus; er behauptet: "Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx, Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen Dramas (Hebbel) hervorgingen." Kaum anders fangen Sätze von Günther Anders an: "Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß Spengler (dem ich mich sonst nicht gerade nahe fühle) seine ,Morphologie der Geschichte‘ nicht als System, sondern als Pluralität von Systemen, von (mit Organismen verglichen) Geschichten dargestellt hat."

Unverständlicherweise reihen sich sogar Leute, die es besser wissen müßten, in die Litanei der Notwendigkeit ein, sogar Adorno: "Kein Zufall, daß Spenglers Verständnis ökonomischer Vorgänge hilflos dilettantisch bleibt." Oder Benjamin im "Ursprung des deutschen Trauerspiels": "Kein Zufall, daß die Uhr diese Redewendungen mit ihrem Bilde beherrscht." Hierzu Siegfried Kracauer: "Es ist gewiß kein Zufall, daß die in der ‚Einbahnstraße‘ der Gegenwart abgewonnenen Interpretationen längst nicht die Schlagkraft der Deutungen haben, die Benjamin dem Material des Barocktempels entlockt." Hierzu die FAZ am 15. Juli 1989: "Nicht zufällig hat Siegfried Kracauer von der meditativen Kraft der Schriften Benjamins gesprochen."

Durch Umstellung lassen sich Wirkungen erzielen, die das Grundproblem nicht lösen; so oder so sackt jeweils der Satzteil, der das Wort Zufall enthält, aussagelos ab, siehe Heidegger, der bereits im Wintersemester 1942/43 behauptete: "Daß die Erfindung der Druckerpresse mit dem Beginn der Neuzeit zusammenfällt, ist kein Zufall." Willenlos läßt sich der Zufall an den Anfang oder auch an den Schluß eines Satzes stellen, und dies leider jederzeit, und kaum ist die Hauptmasse der Zufälle vorbeigezogen, kleckert rein zufällig noch dies und das hinterdrein, etwa Adrian Forsyth: "Ein Großteil dieser Erkenntnisse stammt aus Untersuchungen an Insekten – und das ist kein Zufall." Dem hat Enzensberger kaum noch etwas hinzuzufügen: "Im übrigen fällt der Triumph der Volksbildung in Europa mit der maximalen Entfaltung des Kolonialismus zusammen. Auch das ist kein Zufall."

Kann so was jemals abebben? Es wäre keine Notwendigkeit, pausenlos auf keinem Zufall herumzulutschen, wenn die "Besten meiner Zeit" wenigstens ansatzweise mitmachen würden. Wo aber sind all jene, die gemeinsam mit mir – jenseits von Monods "Zufall und Notwendigkeit" – ihre und meine Sätze äußerst anders anfangen und aufhören lassen?