Bloß runter von der Autobahn. Die Asphaltbänder durch die Agglomeration Stuttgart-Böblingen-Sindelfingen sind vollgestellt mit hubraumverwöhnten Limousinen und Just-in-Time-Warenlagern. Gift für blanke Reisenerven. Die Ausfahrt Herrenberg verspricht Linderung: Die Waldgebiete des Schönbuch, das ondulierte Gäu, der Trauf der Schwäbischen Alb liegen vor der Windschutzscheibe. Die B 28 leitet uns Richtung Tübingen, nach wenigen Kilometern zweigen wir rechts auf eine Landstraße ab. Hinter einem Waldstück, zwischen Streuobstwiesen, ist das ersehnte Ziel zu erahnen: Eine Kirchturmspitze ragt aus einer Kuhle. Reusten, das Dorf, zu dem die Spitze gehört, liegt im Tal des Flüßchens Ammer. Stämmige Scheunen erdrücken die Bauernhäuser, Straße und Rinnstein sind stubenrein gefegt, von Bewohnern nichts zu sehen – am hellichten Tag schafft man hierzulande und treibt sich nicht auf der Gaß’ herum.

Gleich sind wir da. Eine beängstigend steile Straße führt auf der anderen Seite des Orts zum Kirchberg hinauf. Hier ist es. Unterhalb des Kamms, den eine doppelte Reihe Linden krönt, hat das "Bergcafé" alle Tage geöffnet. Seine Besonderheit offenbart das schlichte Haus, das eher Gastwirtschaft als Café zu nennen wäre, sobald wir den schummrigen Schankraum betreten. Mit einem gezielten "Was wellatse?" werden die Gäste empfangen. Es kommt aus dem Mund einer gebeugten alten Dame. Und was für das Ohr des Auswärtigen recht ablehnend klingt – etwa: Was wollen Sie denn hier! –, meint ein herzliches "Was darf’s denn sein?"

Schlurfend gesellt sich eine zweite Alte zur Fragerin, beide mustern die Ankömmlinge mit unverhohlener Neugierde. Auch dies darf nicht als unhöfliche Geste mißverstanden werden, nein, die betagten Schwestern Haupt, Wirtinnen im "Bergcafé", kramen vielmehr in ihrem Gedächtnis, ob die Gäste nicht alte Bekannte, gar veritable Professoren aus der nahen Universitätsstadt sind. Sind sie nicht, "setzet euch doch drauße na", werden sie beschieden, "’s Wetter ist doch so schee."

Bevor wir uns in die Spätherbstsonne auf die Terrasse begeben, unter der die gedrängten Dächer von Reusten liegen, bestellen wir Most – den herben Apfel- oder Birnenwein, der in bauchigen Krügen kredenzt wird – und Brezeln. Das Angebot ist frugal: Grieben- und Blutwurst, Schmalzbrot und eben besagten Most ("Moscht") nimmt man hier zu sich, auch hausgebackenen Kuchen – das alles gilt den Städtern zu raffiniert.

Und von den Städtern und Hergereisten leben die Schwestern Haupt. Seit nunmehr fast vierzig Jahren bewirtschaften sie ihr "Bergcafé", der akademische Stand aus Tübingen hat den versteckten Ort noch allemal gefunden. Auch Touristen aus aller Welt werden hier in großer Zahl bewirtet, das ist in den Gästebüchern dokumentiert, welche die Greisinnen ungefragt zu den Getränken servieren. Kein Wunder, der Autor eines Kunstreiseführers preist das Café: "Ich wüßte keines, das sich in einer vergleichbaren idyllischen Lage befindet."

Knapp an die achtzig Jahre reichen Sophie und Marie heran (beide Namen sind auf der ersten Silbe zu betonen), heute sind sie schlecht zu Fuß, die Gäste müssen hin und wieder selbst in die Küche traben, um die Bestellung herbeizuschaffen. Auch dies trägt zum Flair der Gaststätte bei, ebenso wie die Leut- und Redseligkeit der Sophie. "Aus Hamburg send ihr also", nähert sie sich unserem Tisch. "Da hört ma aber et viel Guts vo." Sie gibt ihr Wissen über die Fährnisse der Großstadt preis, nur um das Interesse des Gastes auf den Mittelpunkt des Erdkreises zu richten: "Hier bei ons ischt halt alles no ländlich ond friedlich." Aber nicht problemlos: Man wisse in diesem Herbst nicht, wohin mit den Zwetschgen, auch gebe es nach kargen Jahren ein Überangebot an Äpfeln, und der Hund sei unlängst gestorben.

An den Nebentischen sitzen ausschließlich junge Leute. Jurastudenten diskutieren einen Kasus, die Zipfel am Hosenlatz weisen sie als Angehörige einer Verbindung aus. Die Burschen und ihre Alten Herren bilden seit langem die beständigste Kundschaft der Fräulein Haupt. Mit Eifer und martialischen Holperversen haben sie die Seiten der Gästebücher gefüllt. "Erst wenn rotes Blut geflossen, / wird dem Fux als höchster Preis / streng vom Grün und Rot umflossen / stolzes Weiß Hohenstaufias zuteil." Hier sind sie friedfertig. Selbst in unruhigen Studentenzeiten, so wird von Veteranen kolportiert, hätten im Reustener "Bergcafé" Burschenschaftler und Linke einträchtig nebeneinander den Most der Schwestern Haupt getrunken. Erst nach der Sperrstunde, draußen auf abschüssiger Straße, seien sie übereinander hergefallen, hätten die kampferprobten Revolutionäre den tapferen, aber vom Alkohol geschwächten Nationalen das Cerevis vom Kopf geschlagen. Von größeren Verlusten ist aber nichts bekannt.