Von Karl-Heinz Janßen

Einer sucht Streit. Ein junger Historiker rechnet ab mit der politischen Klasse der alten Bundesrepublik und mit den im Streit der Intellektuellen tonangebenden Generationen, deren Weltbild spätestens mit der Wiedervereinigung Schiffbruch erlitten haben soll. Gemeint sind die "Jalta-Generation" (Jahrgänge 1929 bis 1944), welche sich mit der Teilung Europas und Deutschlands abgefunden und sich für eine kluge, defensive, selbstbescheidene Außenpolitik entschieden hatte, und die "68" (1944 bis 1959), welche 1989 in allen ihren Annahmen und Vorstellungen durch die Geschichte widerlegt worden sei.

Die harten Fakten, die Karlheinz Weißmann auftischt, sprechen für sich: Kurz vor dem Fall der Mauer gab es praktisch keine einflußreiche Gruppe in der Bundesrepublik mehr, welche die Wiedervereinigung als realistisches Ziel verfolgte. Er schont in seiner Kritik niemanden, weder links noch rechts, nicht Kohl, Genscher, Geißler, Strauß und schon gar nicht die Sozialdemokraten; jenen, die nachträglich die Politik Konrad Adenauers gerechtfertigt sehen, bescheinigt er unhistorisches Denken.

Der Buchtitel "Rückruf in die Geschichte" ist wörtlich zu verstehen. Vier Jahrzehnte lang hatte sich die deutsche Nation aus der Geschichte abgemeldet, ihre Identität war schwer beschädigt. Das Jahr 1989 ist für den Autor der "Wiederbeginn der Geschichte". Die notwendige Integration der wiedervereinigten Deutschen werde sich "zwangsläufig über eine gemeinsame Nationalgeschichte vollziehen, oder sie wird sich überhaupt nicht vollziehen".

Dieser Satz erinnert fatal an die alldeutsche, von Hitler übernommene Losung "Deutschland wird Weltmacht sein oder gar nicht sein". In der Tat hat für Weißmann das neue Deutschland viel mit dem Bismarck-Reich gemein. Das historische Selbstverständnis der Deutschen dürfe sich nicht länger auf die "zwölf Jahre" reduzieren. Weißmann will unsere Geschichte weißwaschen: Es darf einfach nicht wahr sein, daß Hitler und Deutschland einmal fast identisch gewesen sind.

Abermals erweist sich, wie sperrig Auschwitz im tausendjährigen Ablauf unserer Geschichte liegt und daß es sich ebensowenig in das vom Autor bemühte Raster des Weltbürgerkriegs und der imperialistischen Konflikte einfügen läßt. Also umgeht er es, nimmt das Wort lieber gar nicht in den Mund. Nur in einem Absatz ist Weißmann als Historiker so ehrlich zuzugeben, daß Hitlers Politik "in eine unvorstellbare moralische, politische und militärische Katastrophe" geführt habe.

Ansonsten aber nimmt er Hitler aus der Kontinuität unserer Geschichte heraus. Zwar wartet der Autor mit vielen richtigen Erkenntnissen und klug ausgewählten Zitaten auf, was sein Pamphlet lesenswert macht; er kennt die geopolitischen Bedingungen, er weiß, daß weder eine klein- noch eine großdeutsche Einigung gegen den Willen Europas möglich gewesen wäre, daß Bismarcks Reich für die anderen Großmächte eine Zumutung war und daß die Deutschen 1918 im Falle eines Sieges den Unterlegenen mindestens einen so harten Frieden wie Versailles auferlegt hätten.