Wie groß ist die Macht im Markt? – Seite 1

Von Gunhild Freese

Die Kleinaktionäre rollten den roten Teppich aus. Auf der Hauptversammlung der Saarbrücker Asko Deutsche Kaufhaus AG Ende August entboten sie dem künftigen neuen Großaktionär ihren "unvoreingenommenen Willkommensgruß". Einen Monat zuvor hatte Erwin Conradi, Chef des Düsseldorfer Cash-andcarry-Riesen Metro, dem Bundeskartellamt mitgeteilt, die Mehrheit an dem Saarbrücker Handelsunternehmen erwerben zu wollen.

Die Asko-Aktionäre haben gute Gründe, auf den neuen Mehrheitseigner zu bauen. Allzu lange hatten sie sich der sprunghaften und chaotischen Firmen- und Akquisitionspolitik des früheren Asko-Chefs Helmut Wagner gefügt. Seine Hinterlassenschaft: ein wirres Firmengefüge und hohe Schulden. Die Sehnsucht nach Ordnung und ruhiger Entwicklung schien langsam unermeßlich. Doch geht es nach dem Berliner Kartellamt, dann können die Kleinaktionäre den roten Teppich wieder einrollen. Denn die Wettbewerbsbehörde will den Superdeal zwischen der Nummer eins und der Nummer sechs im heimischen Handel untersagen. Der Metro bleiben indes zwei Wege, um die Asko doch noch zu schlucken: Sie versucht die Fusion auf dem Rechtsweg durchzusetzen – das dauert einige Jahre. Oder aber sie läßt sich auf die Argumentation des Kartellamtes ein, dann müßte sie eine ganze Reihe von Standorten aufgeben, an denen ihr durch die Fusion eine überragende Marktstellung erwächst.

Die Metro mit einem Umsatz von über fünfzig Milliarden Mark würde mit der Asko, die in diesem Jahr mehr als zwanzig Milliarden Mark erlösen dürfte, den nächstgrößten Handelskonzern, die Kölner Rewe, um mehr als das Doppelte übertreffen. Das künftige Metro-Reich würde neben den 45 C+C-Metro-Märkten klassische Warenhäuser, Selbstbedienungswarenhäuser, Verbrauchermärkte, Lebensmittelfilialen, Fachmärkte, Versender sowie den viertgrößten Reiseanbieter umfassen – ein weitverzweigtes Handelsimperium ohne Beispiel in der Bundesrepublik.

Doch es ist nicht die schiere Größe, die die Kartellbeamten stört. Sie müssen dem Handelsgiganten auf einzelnen Gebieten überragende Marktmacht nachweisen. Und die glauben sie in monatelangen Recherchen gefunden zu haben.

Im Lebensmittelhandel machten die Beamten gleich in vier Regionen erhebliche Konzentrationseffekte aus, wenn die Asko unter das Dach der Metro schlüpft. Hier kämen nach einer Fusion die größten drei Händler auf einen gemeinsamen Marktanteil von fünfzig Prozent beziehungsweise die größten fünf auf zwei Drittel des Marktes. Nach dem Kartellgesetz liegt damit Marktbeherrschung vor, das Kartellamt muß den geplanten Zusammenschluß untersagen.

Ob das Amt damit vor den Gerichten Erfolg hat, hängt freilich ganz entscheidend von der Marktabgrenzung ab. Das Bundeskartellamt hat Lebensmittelspezialgeschäfte und Handwerksbetriebe wie Bäcker und Schlachter nicht in die Berechnung einbezogen. Das Argument der Wettbewerbshüter: Der Konsument decke üblicherweise seinen Bedarf im Sortimentshandel – wo er eben vom Kaffee bis zum Putzmittel alles bekommt. Damit konnte sich die Behörde bisher allerdings vor dem Berliner Kammergericht und beim Bundesgerichtshof nicht durchsetzen. Beide Gerichte sahen deshalb auch keine marktbeherrschenden Stellungen im Lebensmittelhandel – bis jetzt.

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Angesichts der ungebremsten Konzentration sieht das Kartellamt nun bessere Chancen für seine Argumentation. Seit 1983 jedenfalls, als die größten fünf Handelsunternehmen noch 34 Prozent des Branchenumsatzes auf sich vereinten, hat sich viel getan: Von den zehn größten Händlern sind inzwischen sechs durch Übernahmen verschwunden – geschluckt von den Großen. Inzwischen machen die fünf Größten zusammen schon gut 49 Prozent aller Branchenumsätze.

Daß die Metro auf die Asko ein Auge geworfen hat, kommt nicht von ungefähr. So ist der Großhandelsgigant am Lebensmittelmarkt bislang nicht sonderlich stark. Angesichts des Nachholbedarfs bei den Bürgern der neuen Bundesländer, aber auch durch den ungebremsten Zuzug von Aus- und Übersiedlern sowie Asylbewerbern ist jedoch der lange stagnierende Lebensmittelhandel wieder attraktiv geworden.

Das war bereits 1990 das Motiv für die Asko, sich das Ladennetz der zusammengebrochenen co op-Gruppe zu sichern. Daß zugleich ein schöner Verlustvortrag in Höhe von zwei Milliarden erworben wurde, machte den Deal um so attraktiver. Damit, so jubelte damals Helmut Wagner, sei die Asko zu einer "Zero-Tax-Company" geworden. Solche Steuerbefreiung könnte auch Metro-Chef Erwin Conradi gelockt haben.

Einen kräftigen Konzentrationsschub befürchtet das Kartellamt nach einer Fusion Metro/Asko auch im noch immer stark mittelständisch organisierten Heimwerkerbereich sowie am Möbelmarkt. Auch hier würden in einzelnen Regionen marktbeherrschende Positionen entstehen.

Obwohl der Fusionsfall Metro/Asko alle bisherigen Zusammenschlüsse im Handel weit in den Schatten stellen würde und obwohl sich das Kartellamt präpariert hat wie selten zuvor, bleibt den Beamten nur das Prinzip Hoffnung. Bleiben die Gerichte ihrer umfassenderen Marktabgrenzung treu, haben die Kartellwächter wieder einmal das Nachsehen. Sicher ist nur: Darf die Metro Asko übernehmen, dann steht im Handel die nächste Fusionswelle bevor. Das Nachsehen hat der Verbraucher – mit niedrigen Preisen um ihn zu kämpfen dürfte den verbleibenden Handelsgiganten kaum noch behagen. Schon jetzt zeigen die Gewinnspannen steigende Tendenz.