Als ich Tolstois "Krieg und Frieden" las – ich muß da schon fast vierzig gewesen sein nahm ich mir vor, von diesem Autor vorerst nichts mehr zu lesen. Ich wollte – das weiß ich noch genau – die Bücher dieses Autors sparen, weil ich mir vorstellte, daß Altwerden und gar Altsein furchtbar langweilig werden könnte, und dann hätte ich meinen gesparten Tolstoi, der mir auf Jahre hinaus ein aufregendes Lesen beziehungsweise Leben garantieren würde.

Martin Walser im Nachwort zu seiner Auswahl einer "Lektüre zwischen den Jahren", die bei Suhrkamp unter dem Titel "Wer kennt sich schon" zum Preis von 7,– DM erschienen ist.

Alles mit stern

Der stern, was wären wir ohne den stern! Wir lesen gern den stern, na ja, nicht lesen, mehr kucken. Der stern zeigt alles, das ist seine Lust: die Lust, alles zu zeigen. Und das sehen wir gern: alles. (Natürlich nichts für Voyeure.) (Obwohl dann auch nicht so aufregend, wie man immer dachte.) Also: das "Geschenkejournal" des stern, rechtzeitig zum Fest – was erblicken wir da? Einen "Mini-Zen-Garten" für den Schreibtisch! Richtige kleine Felsen, ganz, ganz kleine, mit richtig Sand drum rum, zum Auf-den-Schreibtisch-Stellen, Bonsai daneben. Was schreibt der stern: "Ein paar Furchen, mit dem Rechen in den Sand gezogen – und das Gehirn ist wieder frei!" Was hätten wir nötiger! Und jetzt das Geständnis: Wir haben ihn gekauft, den "Micro Zen Rock Garden" (made in USA!!! allerdings), in Wien, wie bezugsquellenmäßig angegeben, im "Museumsshop des Kunsthauses", für 595 Schillinge. Und, lieber stern, es stimmt, er ist wunderschön! Wenn du uns hier sitzen sähest, an unserem Schreibtisch über unserem Zen-Gärtchen, wie wir stundenlang Furchen in den Sand ziehen, wie der Sand schon beginnt, Wellen zu werfen, die Felslein zu tanzen beginnen – oh, ja, ja, und wie unser Gehirn dabei immer freier wird und freier und freier! Oh, lieber stern, das ist es, das muß es sein, das ist das Geheimnis eurer Redaktion – auch uns überkommt es jetzt, Schauer überrieseln uns, jaaa, jaaaaaaah, diese Lust, diese Zen-mäßige Lust, alles, einfach alles zu schreiben.

Ein musikalisches Opfer

Musik ist nicht nur der Liebe Nahrung, sie kann auch ganz schön ins Geld gehen. Ein Londoner Gericht entscheidet diese Woche über die Klage eines Frl. Smith (21) gegen einen Herrn Perks (56), Besitzer eines Vermögens von £ 5 Millionen, weil Herr Perks, der Frl. Smith, damals 13, 1984 kennenlernte, sie 1989 auch brav zur Frau nahm, sie schon 1991, nach genau 5 gemeinschaftlich im Ehebett verbrachten Nächten, in Unehren und vor allem ohne die erwähnte Remuneration wieder entließ, weshalb sich Frl. Smith, des Nährstoffs Musik beraubt, flugs zur Magersucht (medizinisch: Anexoria nervosa) bekehrte und alsobald 10 Kilogramm verlor. Musikentzug macht offenbar schlank. Fachleuten ist Herr Perks unter seinem Künstlernamen Bill Wyman auch als Bassist der Musikgruppe The Rolling Stones bekannt. Wir berichten weiter.

Stölzl im Wahn

Merkwürdig, daß unser Deutsches Historisches Museum in Berlin weniger mit seinen Ausstellungen als mit seinem Quadratmeter-Wahn von sich reden macht und die Millionen ständig um Millionen zunehmen: 450 Millionen Mark soll nun der Um- und Ausbau des Zeughauses unter den Linden und zweier der Nachbargebäude kosten! So viel Verschwendungssucht hat den Haushaltsausschuß des Bundestages jetzt dazu getrieben, den vom Bauherrn, der Bundesregierung, verlangten Betrag erst einmal zu sperren – bis man sich genauer erklärt hat und bereit ist, das zu tun, was sich bei derlei riesigen Projekten gehört, nämlich sich um bauliche Alternativen zu bemühen und einen Architekten-Wettbewerb auszuschreiben. Die offenbar immer noch unerfahrene Bundesbauministerin Schwaetzer verfocht statt dessen die populäre Meinung, das sei teuer und verschwende Zeit, und pflichtete dem drängelnden Museumsdirektor bei, den Entwurf einem ihm vertrauten Architekten zuzuschanzen. Den Direktor Stölzl sollte man allmählich dazu anhalten, endlich verantwortlich mit öffentlichen Geldern umzugehen; sich nicht seinem Größen- beziehungsweise Vergrößerungswahn hinzugeben, sondern dem, was von seinem Museum erwartet wird: wirklich aktuelle Ausstellungen zur Geschichte.