Von Bernd Nitzschke

Ludwig Binswanger (1881 bis 1966), seit Juni 1906 Volontärarzt am Burghölzli und dort als Doktorand C. G. Jungs mit „psychogalvanischen Reflexphänomenen im Assoziationsexperiment“ beschäftigt, entstammte einer deutschjüdischen Familie: ein Onkel, Ordinarius für Psychiatrie in Jena, hatte Nietzsche während dessen letzten Lebensjahren behandelt; ein Großvater hatte in Kreuzlingen am Bodensee ein Sanatorium für „verwöhnte Irrsinnige aus reichen Häusern“ (Joseph Roth) gegründet, in dem auch „Anna D.“, die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, behandelt worden war, deren Fall zum Ausgangspunkt der Psychoanalyse wurde.

An einer Analyse des Zusammenhangs von Vorstellungen und Affekten arbeiteten Binswanger und C.G. Jung, als sie 1907 nach Wien reisten, um die Ergebnisse ihrer experimentellen Forschung mit Freud zu diskutieren. Das war der Beginn einer stürmischen, leidenschaftlichen und mit großen Hoffnungen befrachteten Freundschaft zwischen Freud und Jung, die allerdings nach wenigen Jahren in Enttäuschung und schließlich in lebenslängliche Feindschaft mündete.

Die Beziehung zwischen Binswanger und Freud hatte sich bedächtiger entwickelt. Die jetzt veröffentlichen Briefe dokumentieren eine von Anfang bis Ende mildere Freundschaft und eine Schritt um Schritt wachsende Vertrautheit, die niemals gewisse Grenzen überschritt. Und so hielt die Beziehung, obgleich sich Binswanger im Verlauf der drei Jahrzehnte überdauernden menschlichen Nähe theoretisch weit stärker von Freud entfernt hat, als C.G. Jung das je tat. Die Toleranz, die Freud Binswanger gegenüber aufbrachte, ist wohl nur dadurch zu erklären, daß in diesem Falle keine größeren Leidenschaften im Spiele waren – oder aber rechtzeitig zur Asche der Weisheit verglühten, bevor sie die Beziehung in Brand stecken konnten.

Sobald die theoretischen Positionen zu kontrovers wurden, begann nicht der Streit, vielmehr setzte Reserviertheit ein. So hatte Freud über Jahre hin auf ein in vielen Briefen Binswangers angekündigtes Buch gewartet, das den Brückenschlag zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie herstellen sollte. Als das Buch unter dem Titel „Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie“ 1922 endlich erschien, fiel Freuds Reaktion ziemlich knapp aus: „Ihr Buch hat mir sehr imponiert – mich allerdings auch enttäuscht, denn es ist nicht das, worauf Sie mich durch mehrfache Mitteilungen vorbereitet hatten.“

Aus. Kein weiteres Wort zum Inhalt. Das könnte den Verfasser, der Jahre an dem Buch gearbeitet und auf Freuds Urteil gewartet hatte, vielleicht enttäuscht haben? – Nein. Keine Reaktion. Es sei denn, man ließe die folgende Auslassung Binswangers als eine solche gelten: „Was Sie über mein Buch schreiben, entspricht dem, was ich erwartet habe.“

Anders als in den Fällen Fließ oder Jung blieben die Enttäuschungen in der Beziehung Freud-Binswanger offenbar für beide Seiten kalkulierbar. Um in Freuds Sprache zu reden: Er hatte von Anfang an kein Übermaß an libidinöser Besetzung an Binswanger verschwendet; und der hatte, neben allem Respekt für Freud, stets auch genügend inneren und vor allem intellektuellen Abstand gehalten. So notierte er nach der Teilnahme am 7. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 1922 in Berlin ins Tagebuch: „Seither noch größere sachliche und persönliche Distanz zur Psychoanalyse. Verehrung für Freud aber immer dieselbe.“