Von André Schäfer

Schuhe verbinden. Skinheads und Autonome treten mit derselben Springerstiefelmarke, haben sich vorher mit derselben Musik nach Pogo-Art in Fahrt getanzt. Drei Akkorde, hart angespielt auf Bass und E-Gitarre, Punk für die Linken, Oi für die Rechten, aus denselben Wurzeln schwarzer Ska-Musik. Danach die Taten. "Faschos klatschen" ist die Antwort der einen auf das "Türken klatschen" der anderen.

Was bewirkt Musik in den Köpfen deutscher Jugendlicher? 1978 sang die Punk-Band Sex Pistols aus England "God save Martin Bormann", 1983 benutzte Extrabreit ein Hitlerbild in ihrer Bühnenshow. Provokation war das Motiv der linken Punk-Musik, Verführung die Devise des rechten Pendants. "Oi" ist der Schlachtruf von Skinheads beim Pogo-Tanz, abgeleitet von "joy" in "Strength through joy", "Kraft durch Freude", der nationalsozialistischen Freizeitorganisation, und verbindet sich auf den Konzerten von Eliteterror, Endstufe und Stuka mit dem Heben der rechten Hand zum Hitlergruß. "Oi-Musik", das ist der Überbegriff für eine Musik, deren Grundthemen sich auf wenige Begriffe reduzieren: Deutschland, Alkohol, Ausländer, Linke, Frauen und Gewalt.

"Bier trinken, Freundin, Sport, Arbeiten, Prügeln und Fun haben", faßt ein ehemaliger Skinhead aus Bonn die Lebensart dieser Menschen zusammen. Er kennt sich aus im rechten Musikgenre, kann die Texte von Störkraft und Kahlkopf auswendig zitieren. Er kennt aber auch positive Beispiele von Bands linker Skinheads, die es tatsächlich noch gibt. "Red Skins" oder "Sharps", jene antirassistischen "Skinheads against racial prejudice", berufen sich auf die Ursprünge der Skinhead-Szene, die Ende der sechziger Jahre im Arbeitermilieu des Londoner Eastend als Protestgruppierung mit der Absicht des Tabubruchs entstand. 4 Skins und Sham 69 sind Bands jener Zeit, die heute unter linken Skins und Punks Kultstatus genießen. Sie und ihre Fans haben nichts mit der Gruppe der "Fascho-Skins" gemein, die in diesen Tagen fast jede Nacht irgendwo in Deutschland Ausländer malträtieren, betrunken, aufgestachelt durch ihre Helden auf CD und Demo-Tape.

In der Bundesrepublik haben rechtsextreme Skinhead-Gruppen Konjunktur. Rund fünfzig Bands, schätzt das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, schreien ihr Gedankengut derzeit in die Mikrophone, peitschen tätowierte, mit nacktem Oberkörper rempelnde meist unter zwanzig Jahre alte Jugendliche auf. Ihre Namen sind Programm. Radikahl heißt eine Formation aus Nürnberg, die sich anfangs Giftgas nannte. "Dreck muß weg, Dreck muß raus, Dreck muß weg, Nigger raus", singt Commando Pernod aus Hamburg beim Konzert, auf dem ein Skin von der Bühne aus mit "Heil Hitler" die Menge zum Mitmachen auffordert. Das entsprechende Video vertreibt ein einschlägiger Versandhandel.

Skinheads, die "Glatzen", provozieren durch ihr Aussehen und Auftreten, definieren sich damit als Angehörige einer sozialen Randgruppe, die gesellschaftliche Benachteiligung zum Ausdruck bringen will, ohne sich selbst benachteiligt zu fühlen. "Treu, vereint und Hand in Hand, kämpfen wir für das Vaterland", singt die rheinische Gruppe Störkraft. Wenn es außer den Texten einen Unterschied gibt zwischen Punk und rechter Oi-Musik, dann ist es das: "Punk ist mehr depressiv", sagt der Bonner Fan, "Fascho-Musik klingt stolz."

"Die Ausschreitungen der Skinheads folgen dem Ritual pubertärer Kraftprotze", hieß es in einem Ende September vom Bundesinnenministerium veranstalteten Seminar zur Lehrerfortbildung in Freudenstadt. Sozial ausgegrenzte Jugendliche empfänden Gewalt als Konfliktlösung und das "Wir-Bewußtsein als ein Mittel zur Steigerung des Selbstwertgefühls". Die Musik fungiert dabei als Bindeglied, ist für Vierzehnjährige die Eintrittskarte in faschistoides Denken. Kein Zweifel, sagt der Ex-Skinhead aus Bonn, hinter den Bands stecke "ein richtig festes rechtes Weltbild. Die wissen schon, was sie tun." Der ganze Gedankenschrott des "Dritten Reichs" kommt in diesen Texten vor. "Wir sind die Armee der Geächteten, Kämpfer und Soldaten. Wir sind zurück aus der Vergangenheit und kennen kein Erbarmen", heißt es bei der Bonner Skin-Band Offensive, die kürzlich im Selbstverlag die erste Single auf den Markt gebracht hat.