Die Frankfurter Böhsen Onkelz, einst Prototyp der deutschen „Fascho-Bands“, geben sich seit dem Wechsel vom rechten Label Rock-O-Rama zur Plattenfirma bellaphon 1990 verbal nicht mehr rassistisch. Die Szene dankte es der „Verrätertruppe“ mit harten Angriffen in sämtlichen „Fanzines“, den eigenproduzierten Fanblättern, von denen es rund sechzig gibt. Die um die „Normalbürger“ erweiterte Fangemeinde aber hievte die Gruppe mit ihrer CD „Heilige Lieder“ im September auf Platz fünf der deutschen Charts.

„Was ist verboten, was legal, was ist entartet, was normal?“ fragen die Böhsen Onkelz heute in ihren Liedern. „Alle verehren diese Band“, beschreibt bellaphon-Promoterin Karin Karroum das „Phänomen“, schließt „sogar einige Kollegen“ des auf deutsche Schlagersänger wie Bernd Clüver und Rex Gildo spezialisierten Labels nicht aus. Die Onkelz, der neue deutsche Schlager.

Der Hinweis auf frühe Texte der Gruppe erzeugt bei der Promoterin ein Lachen. „Was macht man nicht, wenn man jung ist.“ Die erste Platte der Band hat mittlerweile Sammlerwert: „Kleine Kinder hab’ ich gern, gestückelt und in Scheiben. Warmes Fleisch, egal von wem, ich will’s mit allen treiben.“ Im Dezember ist die Band wieder auf Tournee – in Rendsburg findet das Konzert an einem Ort namens „Walhalla“ statt.

Nicht weniger medienorientiert arbeitet die Band Störkraft. Sie reist von einer Talk-Show zur anderen, fand ihr Forum etwa in der Sat-l-Sendung „Einspruch“, die dem Trend angemessen fröhlich mit dem Titel „Mit Hitler in die Hitparaden“ operierte. Die ehrgeizigen Skinhead-Bands haben es verstanden, sich in der Öffentlichkeit zu verkaufen. „Wir sind Deutschlands rechte Polizei, wir machen die Straßen türkenfrei“ gehört genauso zum Störkraft-Repertoire wie die Selbsterkenntnis: „Er hat ’ne Glatze und ist Rassist, er ist Söldner und Faschist.“ Die Kölner Boulevard-Zeitung Express veröffentlichte Mitte November ein Interview mit Störkraft und überschrieb den Begleittext mit der Schlagzeile „Rechtsrocker ein Muttersöhnchen“. In Wahrheit, erfuhr die Zeitung, führe Sänger Jörg Petritsch ein Doppelleben – „sein bester Freund ist Türke“.

Vertrieben werden die Platten jener Bands meist unter der Hand. Das Brühler Label Rock-O-Rama gilt als Marktführer, sein Repertoire zählt rund 2000 Titel, darunter auch Skinhead-Bands aus Osteuropa oder Skandinavien. Bei anderen Firmen wie dem Querschläger-Versand oder Walzwerk Records kann die Szene Fanzines, T-Shirts und Videos gleich mitbestellen, Konzerttermine erfahren, die sonst nur über persönliche Kontakte, Telephonketten und Mailbox-Anschlüsse bekanntwerden. In der Skinhead-Szene hat sich eine funktionierende „Subkultur“ entwickelt.

Der Verfassungsschutz beobachtet zwar „zunehmend organisatorische Ansätze“ in der Szene, schließt bislang aber eine parteipolitische Anbindung so gut wie aus. Rechtsextreme Parteien versuchten seit Anfang der achtziger Jahre vergeblich, das Potential zu nutzen und Skinheads in ihre Organisationen einzureihen, sagt Peter Heesch vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg. Die Szene sei „ein Bereich, der sich solchen Kommandostrukturen eher verschließt“. Skins fungierten als Schlägertrupps bei Parteiveranstaltungen, hat der baden-württembergische Verfassungsschutz beobachtet, eine umfassende Zusammenarbeit fehle jedoch „auf breiter Front“. Skinheads sind zu undiszipliniert – und zu betrunken.

Sie kennen sich untereinander, singen die Lieder der anderen ohne Urheberanspruch. Der „Kanaken“-Song erscheint nicht nur auf dem Demo-Tape der Gruppe Endsieg sondern findet sich im Repertoire vieler Bands neofaschistischer Ausprägung: „Steckt sie in den Kerker oder steckt sie in KZ, von mir aus in die Wüste, aber schickt sie endlich weg. Tötet ihre Kinder, schändet ihre Frauen, vernichtet ihre Rasse, und so werdet ihr sie grauen.“ Beschlagnahmt wurden solche Texte bislang nicht.