Fritz J. Raddatz: In Ihnen nistet offenbar ein gewisser Groll, und zwar seit langem, daß die liberale oder linksliberale Öffentlichkeit in der Bundesrepublik kommunistische Dissidenten eher stiefmütterlich, wenn nicht gar schlecht behandelt hat. Ist das richtig?

Pavel Kohout: Ich glaube, daß die deutsche intellektuelle Linke sich – bis auf Ausnahmen – in den letzten zwanzig Jahren politisch-menschliche Fehler zuschulden kommen ließ, die dann auch das Denken der Intellektuellen in dem damaligen Ost- und Mitteleuropa negativ beeinträchtigt haben; daß diese, obwohl sie die deutschen Linken für die logischen Verbündeten hielten, plötzlich feststellen mußten, daß die mit einem anderen Zug in eine andere Richtung fahren. FJR: Ich verstehe Sie nicht ganz. Mir scheint, daß die liberale oder linke Öffentlichkeit gerade den Dissidenten in der DDR, der Tschechoslowakei, in Rumänien sehr früh ihr Augenmerk und auch die Möglichkeit zur Stimme gegeben hat. Um es einmal sehr scharf zu sagen, lieber Pavel Kohout: Als Sie noch Kommunist waren und den Kommunismus verteidigt haben, haben Rowohlt-Mitarbeiter schon die Manuskripte von Robert Havemann in der Unterwäsche rausgeschmuggelt. Ein Beispiel für viele andere, von Ernst Fischer über Kolakowski bis Reiner Kunze.

Kohout: Wenn ich Ihnen eine Frage stellen könnte: Was, glauben Sie, ist das wichtigste Ereignis gewesen, das das Leben von Leuten wie Kundera, Klima, Vaculfk, Kohout und vielen anderen Kommunisten unter den tschechischen Schriftstellern am meisten geprägt hat? Daß wir dahinterkamen, besten Willens, aber schwachen Verstands eine Sache unterstützt zu haben, die nur ideell, aber sonst überhaupt nicht stimmte, weil auf falschen Voraussetzungen gebaut; und daß unsere Selbstkritik in den späten fünfziger Jahren öffentlich und freiwillig zum Ausdruck kam, als das Reich Kremls am stärksten war.

FJR: Etwas spät, Jahre nach Budapest.

Kohout: Das ist beweisbar anhand von Literatur. Ein Kohout hat 1953 noch Gedichte auf Stalins Tod geschrieben, aber bereits 1955 geriet er in den ersten großen Konflikt mit der Macht, nachdem er ein armeekritisches Stück, "Septembernächte", schrieb. Wir begriffen das Wichtigste bereits Anfang der sechziger Jahre. Wenn Sie meine Korrespondenz mit Günter Grass, die ja in der ZEIT erschien, lesen ...

FJR: Die ist aber von 1967.

Kohout: Inzwischen waren schon meine sechs regimekritischen Stücke aufgeführt worden, zwei davon verboten, und ähnliches gilt auch für andere, die dann Reformkommunisten und schließlich Dissidenten wurden.