Von Wolfgang Zank

„Die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als üblicherweise angenommen .. Praktiker, die von sich glauben, sie unterlägen keinerlei intellektuellen Einflüssen, sind gewöhnlich die Sklaven eines längst verstorbenen Ökonomen.“

John Maynard Keynes

Schon zu Lebzeiten war John Maynard Keynes weltberühmt. Sein im Februar 1936 erschienenes Hauptwerk erlebte noch im selben Jahr in seiner Heimat Großbritannien zwei Neuauflagen, erschien in den Vereinigten Staaten und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Ein Kollege beschrieb die Wirkung eines seiner Vorträge: „Die Amerikaner saßen wie in Trance, als der gottgleiche Besucher sang, und goldenes Licht umspielte den ganzen Raum. Als alles vorbei war, gab es kaum Diskussion.“ Unter dem Einfluß seiner Theorie wurden auf dem ganzen Globus die Lehrbücher umgearbeitet. Noch Anfang der siebziger Jahre sagte der amerikanische Präsident Richard Nixon: „Wir sind alle Keynesianer.“ Dann schlug die Stimmung um. Für Ökonomen war es eine Zeitlang eher karrieregefährdend, sich auf ihn zu berufen. Doch jetzt, nach dem Schiffbruch vieler konkurrierender Theorien, sind seine Anhänger wieder auf dem Vormarsch.

Keynes wurde am 5. Juni 1883 in Cambridge geboren. Sein Vater lehrte an der dortigen Universität Logik und Politische Ökonomie, seine Mutter war eine der ersten Studentinnen am Newnham College gewesen und engagierte sich in ihrer Heimat in Kommunalpolitik und Sozialarbeit. Vor allem der Vater forderte seinen Sohn geistig heraus, und John Maynard entwickelte sich rasch zum Überflieger.

Idyllisch war seine Kindheit nicht; sein Vater schlug ihn oft. Trotzdem hing er sehr an seinem Vater, noch mehr allerdings an der Mutter. Keynes entwickelte sich zu einem sehr „weiblichen“, empfindsamen Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Ästhetik.

Fünf lange Jahre verbrachte Keynes auf dem Elite-Internat Eton. Die intellektuellen Anforderungen erfüllte er zwar glanzvoll, aber er hatte in dieser Anstalt nicht die geringste Chance, ein natürliches Verhältnis zum anderen Geschlecht aufzubauen. Spätestens in seinem letzten Schuljahr in Eton hatte er seine ersten homosexuellen Kontakte. Keynes Homosexualität ist zentral zum Verständnis des Theoretikers, wurde er dadurch doch automatisch zur kritischen Distanz gegenüber vielen Konventionen gezwungen. Weil sich Keynes oft abseits der Pfade gutbürgerlicher Normalität bewegte, konnte er auch in der Theorie Neuland betreten.

Nach dem Studium und zwei Jahren Arbeit im India Office lehrte Keynes an der Universität in Cambridge. Gleichzeitig schloß er sich einer Künstler- und Literaten-Gruppe im Londoner Stadtteil Bloomesbury an. Hier trafen sich Virginia Woolf, Lytton Strachey, Duncan Grant, Roger Fry und andere Größen des britischen Kulturlebens. „Wir sprachen über alles ohne Hemmungen... Kunst, Sex oder Religion“, erinnerte sich Vanessa Bell. Hier wurde Nonkonformismus belohnt.

Als Chefunterhändler des britischen Finanzministeriums nahm Keynes 1919 an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. Dieses Erlebnis deprimierte ihn tief: Europa war zerstört und hungerte, aber die Siegermächte des Ersten Weltkriegs unternahmen nichts, um den Kontinent wieder auf die Beine zu bringen. Statt die Wirtschaftskraft des geschlagenen Deutschland für den Wiederaufbau Europas zu nutzen, strangulierten sie die deutsche Ökonomie mit astronomischen Reparationsverpflichtungen. Außerdem war Keynes zutiefst über den alliierten Wortbruch empört, Deutschland erst im Herbst 1918 einen maßvollen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen zu versprechen, dann aber in Versailles genau diese zu diktieren.

Am 7. Juni 1919 trat Keynes von seinem Posten zurück. In wenigen Monaten schrieb er ein fulminantes Buch, „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ – es machte ihn auf einen Schlag berühmt. Vielleicht war es Keynes’ folgenreichstes Werk, denn es prägte die westalliierte Haltung am Ende des Zweiten Weltkriegs und leistete somit einen entscheidenden Beitrag für den Wiederaufstieg Westeuropas nach 1945.

Später arbeitete Keynes als Versicherungs- und Investment-Manager und verdiente gut dabei. Er konnte es, wie seine Schülerin Joan Robinson schrieb, „gut leiden, Geld zu verdienen, vorausgesetzt, es kostete nicht zuviel Zeit“. Daneben aber verschaffte ihm dieser Job sowohl Praxis-Erfahrung als auch Unabhängigkeit; auf akademische Orthodoxien brauchte er keine Rücksicht mehr zu nehmen. Persönlich geriet er in ruhigeres Fahrwasser und heiratete 1925 die russische Ballettänzerin Lydia Lopokova.

Im Oktober 1929 brach eine weltumspannende Depression aus. Krisen hatte es auch vorher schon gegeben, aber so furchtbar war die Wirtschaft in Friedenszeiten noch nie aus den Fugen geraten. Allein in Deutschland wurden 1932 sechs Millionen Arbeitslose gezählt. Und ebenso schlimm wie die Schwere der Krise war ihre beispiellos lange Dauer.

Den Lehrbüchern zufolge konnte es derartiges gar nicht geben. In der Marktwirtschaft, so der Glaubenssatz, werden die Arbeitslosen in der Krise auf die Löhne drücken; bei niedrigeren Löhnen werden die Unternehmer dann mehr Leute einstellen, die Arbeitslosigkeit verschwindet wieder. Die Wirklichkeit in den dreißiger Jahren sah anders aus: Die Fabriken standen leer, und davor standen die Arbeitslosen Schlange. Es hatte in vielen Fällen keinen Zweck, etwas zu produzieren, denn niemand fragte es nach.

Was war verkehrt? Nach dem „Sayschen Gesetz“, benannt nach Jean-Baptiste Say, einem französischen Theoretiker aus der Zeit Napoleons, sollte sich das Angebot stets genügend Nachfrage schaffen. Jeder Produzent, so Say, ist nämlich immer auch Käufer. Wird irgendwo eine neue Fabrik aufgemacht, dann muß die neue Produktion zwar Abnehmer finden, aber die Arbeiter, Angestellten und Besitzer fragen mit ihren Einkommen ebenfalls Güter nach. Es kann zwar kurzfristig zu Problemen kommen, weil die falschen Dinge angeboten werden, aber auf Dauer ist es unmöglich, daß die Gesamtnachfrage zu gering ist. Selbst die Sparneigung der Menschen ist kein Problem, denn der Preis des Geldes, der Zins, sorgt für den Ausgleich von Ersparnissen und Investitionskrediten.

Hier hakte Keynes in seinem Hauptwerk, der 1936 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, ein: In einer Geldwirtschaft halten die Menschen immer einen Teil ihres Vermögens liquide in ihren Kassen. Sie brauchen diese Manövriermasse zum Teil, um laufende Transaktionen zu bezahlen, zum Teil aus Vorsicht, oder um damit spekulieren zu können. Diese „Liquiditätspräferenz“ kann in bestimmten Zeiten so groß werden, daß sie die Konjunktur abwürgt. Nachfrage fällt aus, weil Geld geparkt wird. Und weil es keine langfristige Anlage sucht, drückt das Geld auch nicht auf hohe Zinsen, gleichzeitig läßt fehlende Nachfrage die Investitionen zusammenbrechen. Als professioneller Geldanleger wußte Keynes, wovon er sprach. Wenn jetzt auch noch die Nominallöhne sinken, schwindet der letzte Rettungsanker, die Konsumausgaben.

Im übrigen sind Preise und Löhne in der Realität bei weitem nicht so flexibel, wie es die orthodoxe Theorie behauptet. Allein schon aus diesem Grund kommt Sand ins Getriebe der Wirtschaft. Aus sich selbst heraus findet das System jedenfalls nicht mehr zur Vollbeschäftigung zurück. Also muß der Staat einspringen und die Investitionen wieder anstoßen. „Ökonomen machen es sich zu leicht, wenn sie uns in stürmischen Zeiten nicht mehr zu erzählen haben, als daß der Ozean wieder ruhig ist, wenn sich der Sturm gelegt hat“, schrieb Keynes an anderer Stelle. Und er fügte den berühmt gewordenen Satz hinzu: „Langfristig sind wir alle tot.“

Keynes öffnete Tausenden von Ökonomen die Augen: Geld ist keine unschuldige Vermittlungsinstanz, es kann zur Quelle schwerer und langanhaltender Störungen werden. Diese Botschaft ist vor dem Hintergrund der jüngsten Wellen der Währungsspekulation ungemein aktuell. Es war bereits Keynes gewesen, der in seinen letzten Arbeiten, vor allem in den „Vorschlägen für eine Internationale Clearing Union“, untersuchte, wie eine tragfähige internationale Währungsordnung aussehen könnte. Er plädierte damals für die Ausgabe eines Weltgeldes, das er „Bancor“ nannte. Seit Anfang der siebziger Jahre gibt es dergleichen – wenn auch nur sehr unvollkommen – in Gestalt der sogenannten „Sonderziehungsrechte“ des Internationalen Währungsfonds (IWF). Viele Ökonomen empfehlen heute mit Nachdruck, diesen Weg weiterzugehen.

Keynes entwickelte eine ganze Batterie neuer analytischer Instrumente, wie etwa die „Konsumfunktion“, die aus dem Handwerkszeug der Wirtschaftswissenschaften nicht mehr wegzudenken sind. Aktuell ist auch Keynes’ Beobachtung, daß sich Löhne und Preise nur sehr träge oder gar nicht anpassen und daß dieses den Marktwirtschaften sehr erschwert, von sich aus wieder ins Lot zu kommen. Wegen dieser Trägheiten und wegen der häufigen Störungen der Wirtschaft aus der Geld-Sphäre gilt Kevnes’ zentrale Folgerung auch in den neunziger Jahren noch: Gelegentlich muß der Staat sein wirtschaftliches Gewicht gezielt einsetzen, um die Lage wieder zu reparieren.

In den dreißiger Jahren hieß das konkret: Der Staat mußte Geld leihen, um Investitionen in Gang zu setzen. Keynes verteidigte seinerzeit mit Nachdruck entsprechende Initiativen des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Dieser Aspekt wurde allerdings nach Keynes’ Tod (1946) von seinen Anhängern dogmatisiert. In ihren Lehrbüchern erschien ein „hydraulischer“ Keynes, dem zufolge der Staat durch einfaches Auf- und Zuschrauben der öffentlichen Geldhähne die Wirtschaft je nach Bedarf stimulieren oder dämpfen kann. In einer Krise sollte der Staat nach diesen Theorien lediglich die Schleusen seiner Ausgaben öffnen, und schon würde die Wirtschaft wieder anspringen. Diese Philosophie hatte vor allem in den siebziger Jahren teilweise fatale Folgen; statt mehr Wirtschaftswachstum wuchsen die Defizite im Staatshaushalt und die Inflation.

In mancher Situation kann die Stimulierung der Nachfrage richtig sein, in anderen ist sie falsch. Marktwirtschaftliche Systeme können auch aus anderen als den von Keynes analysierten Gründen gestört werden. Keynes hinterließ trag- und ausbaufähige Analysen zu ganz zentralen Themen, aber keine allgemeine Theorie, die auf alles eine Antwort gäbe.

John Maynard Keynes:

Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes

Übersetzt von Fritz Waegner, 6. Auflage 1983, Duncker & Humblot, Berlin, 58,– Mark

– Vom Gelde

Übersetzt von Carl Krämer, 3. Auflage 1983, Duncker & Humblot, Berlin, 96,– Mark

Charles H. Hession:

John Maynard Keynes

Übersetzt von Ulrich Enderwitz, Klett-Cotta, Stuttgart 1986, 555 S., 48,– Mark