Ein Kampf um CD-ROM – Seite 1

Von Michael Bauer

Bücher begleiten uns in Wartezimmer, auf Parkbänke, in Flugzeuge. Nachschlagewerke hingegen sind die Immobilien der Lesekultur. Oft bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens veraltet, sind Wörterbücher, Fachlexika und Enzyklopädien liebenswerte Relikte aus Diderots und d’Alemberts Zeiten. Während ihr Inhalt kulturgeschichtlich stets interessant bleiben wird, hat ihre Form der Wissensvermittlung wenig Zukunft. Das gedruckte, gebundene Nachschlagewerk wird heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht. Besonders die wirtschaftlich und damit politisch belangvollen Wissenschaftsbereiche haben daraus ihre Konsequenzen gezogen. Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Medizin und Technik haben ihre Bibliotheken zu elektronischen Informationszentren umgestaltet und gewaltige Datenbanken um sich errichtet.

Während das deutsche Bibliothekswesen den Trend vom Katalogkärtchen zum Mikrofiche allen Ernstes für einen Fortschritt hält, kokettieren ansonsten ernst zu nehmende Schriftstellerinnen und Schriftsteller noch immer mit ihrer alten Reiseschreibmaschine, so, als ob die Qualität ihrer literarischen Arbeit etwas mit dem Schreibzeug zu tun hätte. Im Gegensatz dazu hängt die Brauchbarkeit eines Informationsmediums allerdings einzig und allein von der Bequemlichkeit für den Benutzer ab. Um im Bereich der Belletristik zu bleiben: Die Mehrzahl aller derzeit im Buchhandel erhältlichen Literaturlexika ließe sich auf eine hauchdünne Kunststoffscheibe übertragen, am Monitor eines Personalcomputers sichtbar machen und nach Bedarf auf Papier ausdrucken.

Der Trend geht zur Handbibliothek in der Aktentasche: Bertelsmann, Duden und Langenscheidt liefern Lexika und Wörterbücher auf einer Mini-CD aus. Shakespeare, Goethe, Kant und Musil sind auf Compact Disc lieferbar. Der Kampf um (CD-)ROM hat begonnen.

Die Compact Disc, als CD längst dudenreif, ist ein Computer- und laserlesbares Speichermedium für akustische und optische Informationen. Während sich die CD als Speicher für Photos oder filmische Sequenzen noch in der Entwicklung befindet, haben Musik-CDs die Schallplatte vom Markt gedrängt. Ein neuer Boom zeichnet sich auf dem Gebiet der CD-ROM ab. ROM steht dabei für Read Only Memory und meint, daß gespeicherte Informationen zwar abgerufen, auf dieser Art CD aber nicht eingelesen werden können.

Der Herstellungspreis einer fertig entwickelten CD-ROM beträgt ein paar Mark. Daraus ergäbe sich ohne großen Kostenaufwand die Möglichkeit, beispielsweise das "Bertelsmann Literatur Lexikon" oder "Kindlers Neues Literatur Lexikon" für einen Kreis von Abonnenten in bestimmten Zeitabständen zu überarbeiten, zu ergänzen und zu aktualisieren, vergleichbar Heinz Ludwig Arnolds Loseblattsammlung "Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur". Ohne jedoch den Abonnenten alle paar Monate mit einem Stoß gelochten Papiers in ein Geduldspiel zu verwickeln, könnten auf einer CD-ROM nicht nur sämtliche biobibliographischen Informationen zu Gegenwartsautoren, sondern darüber hinaus die gesamte Sekundärliteratur im Volltext gespeichert werden. Dem Leser stünde es frei, sich die gewünschten Angaben auf Papier ausdrucken zu lassen und so seine Lesegewohnheiten beizubehalten.

Einzige technische Voraussetzung für das neue Speichermedium ist ein eingebautes oder externes CD-ROM-Laufwerk am Computer, das ähnlich einem CD-Spieler funktioniert. Der Preis für solche Laufwerke, mit denen sich auch Musik-CDs abspielen lassen, liegt zwischen 400 und 1500 Mark.

Ein Kampf um CD-ROM – Seite 2

Nach dem Bielefelder Katalog für den Gesamtbereich der Klassischen Musik ist soeben der neue Bielefelder Katalog/Jazz erschienen. Erstmals verzeichnet er sowohl in Buchform als auch auf CDROM knapp 7000 verschiedene Schallplatten, Compact Discs und Musikkassetten.

Der weltweit einzigartige Katalog aller lieferbaren Jazzplatten umfaßt 1100 Seiten, wobei die Buchausgabe aus drei Registern besteht: Titelverzeichnis, Interpretenverzeichnis und ein Verzeichnis der gesamten Plattenproduktion, nach Firmen geordnet.

Sucht man beispielsweise eine der vielen Aufnahmen von "In the Mood", so kommt man beim Blättern quer durch die verschiedenen Register der Buchfasssung leicht aus der Stimmung. Ein weitaus beswingteres Suchen ermöglicht die CDROM-Version des Bielefelder Katalogs: Hier genügt der Bruchteil eines Suchbegriffs, um in Sekunden den vollständigen Titel eines Stücks, einer Platte, den Namen des jeweiligen Interpreten, ein bestimmtes Musikinstrument oder die Plattenfirma zu ermitteln. Mit Hilfe des neuen Mediums hat Herausgeber Manfred Scheffner ein in dieser Art für die Musikgeschichte einzigartiges Nachschlagewerk zusammengestellt. Der Jazzkenner, Sammler und Musikjournalist, dessen Privatarchiv auf über 50 000 Platten geschätzt wird, ist weit mehr als eine unerschöpfliche Auskunftei in Sachen Blues und Jazz, er wurde inzwischen zu einer "Institution". Seit 1965 gibt Scheffner den Bielefelder Katalog heraus, den er von damals 168 Buchseiten zu einer Datenbank des Jazz ausgebaut hat.

Was für den Plattenhandel die beiden Bielefelder Kataloge sind, das ist für den Buchhandel das Verzeichnis Lieferbarer Bücher. Jeder Buchkäufer kennt die schweren, großformatigen Bände. Das unhandliche Nachschlagewerk dient Buchhändlerinnen und Buchhändlern bei der Erfüllung auch der ausgefallensten Wünsche ihrer Kunden. Statt einen oder mehrere Bände hochzuwuchten und nach möglichen Stichworten, Suchbegriffen und vom Kunden vage erinnerten Buchtiteln durchzublättern, besteht seit vier Jahren die Möglichkeit, das VLB des Münchner K. G. Saur Verlages dort als CD-ROM zu abonnieren. Auch diese CD bietet eine übersichtliche, einfach zu benutzende Bildschirmmaske.

Nehmen wir an, jemand sucht ein Sachbuch über Romanheldinnen und Frauenschicksale in Prosa. Nach dem Einlegen der CD-ROM und einem Startbefehl erscheint auf dem Bildschirm zunächst kurz der Hinweis auf die Frankfurter Buchhändler-Vereinigung, die das befragte VLB aktuell herausgibt. Nun hat der Suchende die Möglichkeit, in den verschiedenen Feldern der Maske den Namen eines Autors, einen Buchtitel, den Verlag oder das Erscheinungsjahr eines Buches einzugeben. In Sekunden erscheint auf dem Monitor die vollständige bibliographische Angabe samt ISB-Nummer und dem Hinweis auf das regionale Barsortiment.

Um auf der CD weiter nach den Romanheldinnen zu forschen, muß eine Schlagwortkette angelegt werden, etwa "Roman, Frau, Verführung". Die CD-ROM gibt sofort darüber Auskunft, daß unter allen derzeit lieferbaren Büchern deutscher, österreichischer und Schweizer Verlage 1071 mit Frauen, 637 mit Romanen und zehn Buchtitel mit Frauen und Romanen zu tun haben. Kommt "Verführung" hinzu, so bleibt ein einziger Titel: "Das Modell Clarissa. Liebe, Verführung, Sexualität und Tod der Romanheldinnen des 18. und 19. Jahrhunderts".

Diese Art des Suchens mit verknüpften Schlagwörtern ist in einem herkömmlichen bibliographischen Handbuch nicht möglich. Elektronisches oder vertikales Nachschlagen ersetzt das Blättern oder horizontale Nachschlagen, ohne dem Suchenden den Spaß beim Schmökern zu verderben.

Ein Kampf um CD-ROM – Seite 3

Darüber hinaus erstellt die CD-ROM-Version des Verzeichnisses Lieferbarer Bücher zu jedem Suchgebiet (Autor, Buchtitel oder Verlag) in einer Liste ein elektronisches Register, das alle Autoren, Bücher und Verlage in alphabetischer Folge auflistet und zählt.

Vor fünfzig Jahren starb Robert Musil. Sein literarischer Nachlaß, zu zwei Dritteln Materialien für die Fortsetzung des unvollendeten Romans "Der Mann ohne Eigenschaften", würde in Buchform rund dreißig Dünndruckbände mit jeweils fünfhundert Seiten umfassen. Ein Großteil davon wäre allerdings im üblichen Sinne gar nicht lesbar; er würde als Buch nicht adäquat, den vielfach überarbeiteten Manuskripten und verschiedenen Schreibschichten mit ihrer Vielzahl von Verweisen entsprechend nicht zu publizieren sein. Ob Tagebücher, Essays oder Rede-Manuskripte, alle Texte, die für Buchleser zu ordnen und zu erschließen waren, wurden im Laufe der letzten vier Jahrzehnte von Adolf Frisé ediert.

Die im Rowohlt Verlag unlängst erschienene CD-ROM mit dem vollständigen literarischen Nachlaß Robert Musils ist eine kuriose Novität: kurios, da zwei Forschungsgruppen die Manuskripte mit verschiedenen Computerprogrammen erschlossen und zugänglich gemacht haben, ein Novum auf dem deutschen Buchmarkt, da erstmals ein Verlag die literarische Hinterlassenschaft eines Schriftstellers nicht in Buchform, sondern auf einer dünnen Kunststoffscheibe, einer Art Literaturscheiblette, publiziert hat. Herausgeber sind Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé, dessen gewissenhafte Editionen früherer Jahre durch die elektronische Aufarbeitung des Musil-Nachlasses nicht korrigiert, sondern bestätigt und fortgesetzt wurden.

Vorausgegangen war die Transkription aller nachgelassenen Schriften in Maschinenschrift. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Österreichischen Forschungsfonds, wurden von diesen Abschriften Mikrofiches, Filme und Kopien erstellt. Daraufhin bereiteten die beiden Arbeitsgruppen in Klagenfurt und Trier getrennt voneinander die Erschließung des Textkorpus mit Hilfe zweier grundlegend verschiedener Computerprogramme vor: Die Österreicher unter Leitung von Friedbert Aspetsberger entwickelten mit Informatikern das Philologische Erschließungs-Programm, kurz PEP genannt; in Deutschland bedienten sich Karl Eibl und seine Assistentin Marianne Willems des international bewährten Texterschließungsprogramms WordCruncher, dessen deutsche Version von der Bonner Softwarefirma Incom an Immanuel Kant erprobt und nun überzeugend auf Robert Musil übertragen worden ist. Der Vorteil dieses elektronischen Weges zu Musils nachgelassenen Schriften ist die Professionalität, Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit des Programms, das zwar eigens zu der CD-ROM des Rowohlt Verlages hinzugekauft werden muß, dem kostenlos mitgelieferten PEP aus Klagenfurt jedoch an Raffinesse überlegen ist.

WordCruncher hat sämtliche Zeichenketten, Wörter, Zahlen oder Abkürzungen, aus Robert Musils literarischem Nachlaß indiziert und gibt sie in einer alphabetisch geordneten Liste auf dem Bildschirm aus: 182 045 verschiedene Wörter auf 10 427 Seiten in 95 Mappen, Heften und Konvoluten. Ein in verschiedenfarbige Fenster unterteilter Bildschirm öffnet den Zugang zum literarischen Nachlaß des Romanciers und Dramatikers.

Wählt man etwa zunächst das Wort "Nachlaß" aus, so werden insgesamt 46 Fundstellen angezeigt, die sich elektronisch "durchblättern" und mit einem einzigen Tastendruck zum Volltext ergänzen lassen:

"Nicht umsonst hat schon das Wort Nachlaß einen verdächtigen Doppelgänger in der Bedeutung, etwas billiger zu geben. Auch der Nachlaß des Künstlers enthält das Unfertige und das Ungeratene, das Noch nicht= und das Nichtgebilligte. Außerdem haftet ihm die peinliche Berührung von Gemächern an, die (nach dem Ableben des Besitzers) der öffentlichen Besichtigung freigegeben werden. Ich weiß freilich, daß es auch wunderbare und überraschende Nachlässe gibt..."

Ein Kampf um CD-ROM – Seite 4

Einer davon ist der Nachlaß des Zitierten. Neben der Suche mit Hilfe einzelner Wörter und Wortkombinationen besteht die Möglichkeit, innerhalb des Gesamtnachlasses auf CD in einzelnen Mappen zu "blättern" oder bestimmte Texte aufzurufen.

Wer beispielsweise "Curriculum Vitae" eingibt, findet neben biographischen Notizen Martha Musils auf Seite 2/01/063 eine autobiographische Skizze ihres Mannes, die mit den Worten beginnt:

"Ich bin geboren am 6. November 1880 in der österreichischen Stadt Klagenfurt, Hauptstadt des Landes Kärnten."

Nur durch elektronisches Blättern, durch vertikales Suchen, lassen sich blitzschnell Textanschlüsse und inhaltliche Verknüpfungen auf den Bildschirm bringen, zwischen denen in Buchform Tausende von Seiten liegen würden:

Hyperlink nennen Karl Eibl und Marianne Willems diese Nebenfunktion ihres Musil-Programms, das den Benutzer zwischen identischen Zeichenketten "springen" läßt.

Eine verknüpfte Suchanfrage nach "Rittmeister Horn" und "General Stumm", verbunden mit den Datierungen von Musils Siglen, ergibt in wenigen Sekunden, daß Robert Musil die Figur des Rittmeisters etwa Mitte der zwanziger Jahre zum General umgestaltet hat.

In seinem Vorwort zur CD-Edition des Musilschen Nachlasses schreibt Adolf Frisé: "Musik systematische Arbeitsweise drängt förmlich hin zu einer Art der Erschließung, wie sie heute durch die elektronische Datenverarbeitung ermöglicht wird."

Ein Kampf um CD-ROM – Seite 5

Frisé begründet dies mit dem "Netz von Siglen und Verweisungen", das der Autor einst über die Blätter seiner "Werkstatt" gelegt habe und das heute mit Hilfe der Elektronik die Möglichkeit bietet, vertikal Musils Gedanken- und Schreibwerkstatt zu durchstöbern. Was ihm einst bei der Bereithaltung skizzierter Gedanken und Textentwürfe half, die Kennzeichnung der Seiten durch Siglen wie II R FR oder NR, läßt sich auf CDROM in Sekundenschnelle verknüpfen und neu zuordnen: 2500 Verweisungen auf II R FR, 1300 auf Musils Textgruppe NR. Während das Klagenfurter Programm den Fündigen akustisch mit den abgeschmackten Klängen von "Gaudeamus igitur" beglückwünscht, spiegelt Karl Eibls elektronische Nachlaßedition sowohl Musils Hang zur Technik als auch seine Vorliebe für Ironie – das Programm zeigt auf Zehntelsekunden genau die Zeit an, die es für einen Suchvorgang benötigt hat...

Wer Spaß am Werk Robert Musils, an philologischen Problemstellungen und zugleich an neuen Medien hat, der gehört zu jener Zielgruppe, auf die Eibl augenzwinkernd hofft: literaturbegeisterte Tüftler, für die Musils Nachlaß auf CD-ROM zu einem anregenden Computerspiel werden könnte, mit Hilfe dessen auch sie sich, gleich Ulrich aus dem "Mann ohne Eigenschaften", in einen anderen Zustand versetzen.

Sowohl Friedbert Aspetsbergers als auch Karl Eibls neuer Zugang zu Robert Musils literarischem Nachlaß haben gezeigt, daß eine Textedition auf CD-ROM in diesem speziellen Fall aufgrund der Arbeitsweise des Schriftstellers und der Struktur seiner Textwerkstatt gerechtfertigt und sinnvoll war.

Das Buch – der kleine Gedichtband, der weitabgewandt zerlesene Roman oder das am Seitenrand handschriftlich kommentierte Sachbuch – sie alle sind durch elektronische Medien nicht zu ersetzen.

Im Bereich der Literatur liegt die Zukunft der CD-ROM in der Edition wissenschaftlicher Studienausgaben, vor allem aber in der preiswerten Aktualisierbarkeit von Nachschlagewerken, Wörterbüchern, biobibliographischen Handbüchern, Fachlexika und Enzyklopädien.

  • Bielefelder Katalog/Jazz

Herausgegeben von Manfred Scheffner

Ein Kampf um CD-ROM – Seite 6

Vereinigte Motor-Verlage, Stuttgart 1992; Buch 27,80 DM, CD-ROM 398,– DM

  • VLB aktuell

Herausgegeben von der Buchhändler-Vereinigung

K. G. Saur Verlag, München 1992; 6 CD-ROMs pro Jahr: 1900, - DM

  • Robert Musil. Der literarische Nachlaß

Herausgegeben von Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé;

Rowohlt Verlag, Reinbek 1992; CD-ROM, 1400, - DM (inkl. WordCruncher 1600, - DM