Von Michael Krüger

Es gab Zeiten, da wußten die Dichter, für wen sie ihre Stimme erhoben: Sie hatten einen Hörer, später einen Leser vor Augen. Die Kanzonen eines Troubadours richteten sich an eine Frau, meist adlig und verheiratet. Auch die Minnesänger versahen ihren Frauendienst gereimt. Ihre Nachfahren dichteten zur höheren Ehre Gottes, zum Ruhme des Fürsten, des Landes, der Revolution. Eingebunden in ihre Geschichte, eingeschnürt von einem Korsett aus festen Regeln, standen sie auf den Schultern einer langen Tradition und empfingen von ihr die Inspiration, mit der sie die Wörter, die jeder im Mund führen konnte, belebten.

Die Geschichte der Poesie ist eine bis heute nicht abgerissene Folge von Antworten auf ein eng begrenztes Feld von Fragen, das die Menschheit seit Anbeginn mit sich herumschleppt. Naturgemäß überwiegen die Antworten, weil jede Generation es besser weiß als die vorangegangene, die Fragen bleiben: Das erklärt die vielen Liebesgedichte unterschiedlicher Ausführung, die Abschieds- und Heimwehgedichte, die zahllosen Verse über den Mond. Wer immer heute ein triviales oder kühnes, banales oder revolutionäres Gedicht über die Liebe schreibt, tut dies im Bewußtsein, daß diese spezifische Form der Mitteilung als „Gedicht“ erkannt wird – und nicht als bizarr gesetzter Prosatext.

Dichter empfanden sich stets als das je letzte Glied einer langen Kette, die sie mit den Ursprüngen verband: mit der Klage, der Anrufung, dem gebändigten Schrei der Angst, der Feier. Noch im 20. Jahrhundert gab und gibt es Dichter, die ihre Arbeit, allen gesellschaftlichen Funktionswechseln der Literatur zum Trotz, als die bewußte Fortschreibung der in der Geschichte entwickelten Sprachformen sehen. Keine Literatursoziologie und keine Literaturpsychologie, kein Dekonstruktionismus und kein öffentlicher Bedeutungsschwund kann sie daran hindern, das offenbar unabschließbare Projekt „Dichtung“ weiter zu betreiben. Und im Gegensatz zu der übellaunigen Antwort: Ich weiß nicht, für wen ich schreibe! kannten viele moderne Dichter sehr wohl ihre Leser. Rilke hatte eine Gemeinde; Stefan George einen Kreis, dessen Exklusivität viele davor zurückschrecken ließ, ihm beizutreten; Gottfried Benn hatte Schüler; Paul Celan hatte Verehrer, die ihm bis in die feinsten Verästelungen seiner fragilen Spracherkundungen folgten; und wer wollte leugnen, daß auch der Dichter Rolf Dieter Brinkmann sein ziemlich exakt zu bestimmendes Publikum hatte?

Dieser Gemeinde, diesen Verehrern ging und geht es nicht in erster Linie darum, ob die Texte im einzelnen gut oder nur halbgut, revolutionär oder reaktionär waren oder sind, sondern ob sie sich als Leser an ein größeres Projekt anschließen können. Das heißt, wer sich Rudolf Borchardt anvertraut, liest nicht nur dieses oder jenes Gedicht von ihm, sondern läßt sich über die Lektüre auf einen Diskurs ein, der in einem mächtigen Bogen die mittelalterliche Welt und Sprachauffassung mit der Gegenwart verbindet; wer Celan ernsthaft liest, versenkt sich mit ihm zugleich in die gesamte jüdische Tradition; und Rolf Dieter Brinkmanns Gedichte sind das aktuelle Echo der amerikanischen Poesie, die wie keine andere literarische Gattung die kulturelle Eigenart der Neuen Welt ausdrückt.

Im November-Heft des Merkur schreibt Pierre Bourdieu: „Unter der Voraussetzung, daß das Kunstwerk als solches, das heißt als ein mit Sinn und Wert ausgestattetes symbolisches Objekt, nur existiert, wenn es von Betrachtern erfaßt wird, die mit einer stillschweigend verlangten ästhetischen Disposition und Kompetenz ausgestattet sind, läßt sich sagen, daß das Kunstwerk als solches vom Auge des Ästheten erschaffen wird, aber nur, wenn man sogleich daran erinnert, daß dieser dies nur in dem Maße vermag, in dem er selbst das Produkt einer langen Beschäftigung mit dem Kunstwerk ist. Dieser Kreis, der jenem des Heiligen und des Glaubens entspricht, ist auch der Kreis jeder Institution, die nur funktionieren kann, wenn sie gleichzeitig in der Objektivität eines gesellschaftlichen Spiels und in den Dispositionen gegründet ist, die zu Interesse und Teilnahme an diesem Spiel führen.“

Für das Lesen von Gedichten heißt das zweierlei. Erstens muß man prinzipiell den Wert dieses „Spiels“ anerkennen; wer es nicht tut, wird es immer lächerlich finden, daß einer seinen Liebesschmerz gereimt ausdrückt. Zweitens muß man die Spielregeln des „Spiels“ erlernen, um mitspielen zu können. Wer sich weder um den Wert noch um die Spielregeln des Spiels einen Deut schert, der sollte um des Friedens willen bitte auch nicht mitreden wollen. Der soll sich meinetwegen von Matthias Altenburg in das richtige Leben einführen lassen oder ins falsche, aber er soll nicht denken, daß diese Initiation etwas mit Kunst zu tun hat. Leute seines Schlages sehen buchstäblich nichts, wenn sie das als Höhepunkt der modernen Malerei gepriesene weiße Quadrat auf weißem Grund von Malewitsch betrachten; und sie lesen nur Bahnhof, wenn man ihnen ein spätes Gedicht von Paul Celan unter die Nase hält. Vielleicht ist es der beste Indikator für den Stand einer Kultur, wenn solche aberwitzig dreisten Blödheiten wie die von Altenburg gedruckt und diskutiert werden. Hoffentlich geht manchen Lesern seines Textes auf, daß Literatur, wenn man sie denn noch will, verteidigt werden muß, damit sie nicht in der Abdeckerei landet. Am „Ende der Geschichte“ werden die kulturellen Begründungen dünner. Wem die sozialen und politischen Errungenschaften der liberalen Demokratie als die Krone der Geschichte gelten, der braucht tatsächlich keine spezielle Kultur mehr. Dann langt ein Museum, ein Archiv, ein paar Fernsehprogramme – der Rest ist das schiere, authentische Leben ...

Aber die Zeiten ändern sich schneller, als manchem lieb sein wird. Vielleicht müssen auch wir, die bürgerliche Gesellschaft, uns bald daran gewöhnen, daß wir demnächst wieder von den Vorräten zu leben haben – nicht nur die Skinheads, die plötzlich als Historiker auftreten und die große deutsche Vergangenheit als Reservoir ihrer finsteren Träume für sich reklamieren. Wir müssen also Vorsorgen.

Diese lange Vorrede war nötig, um kurz, aber kräftig auf ein halsbrecherisches Unternehmen hinzuweisen, das mitten in der akzelerierenden Kulturverdrossenheit und Gehirnstarre mit ebensolcher Vorsorgeproduktion beschäftigt ist. Ich will alle mitleiderregend verstaubten Liebhaber von Poesie auf eine kleine, feine und ambitionierte Reihe hinweisen, die unter dem Titel „Poet’s Corner“ in der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße in Berlin erscheint. Es handelt sich um schmale Hefte von rund fünfzig Seiten, unaufwendig und dennoch liebevoll ausgestattet, in denen nichts als Gedichte stehen und ein Nachwort, das die Auswahl begründet. Jedes Bändchen ist einem Dichter gewidmet, fünfzehn Bände sind bereits erschienen. Bei fremdsprachigen Autoren sind einige Texte im Original wiedergegeben, manchmal – wie zum Beispiel bei Petrarca – kommen verschiedene Übersetzer aus weit entfernten Zeiten zu Wort, so daß man zugleich eine Lektion in historisch unterschiedlicher Aneignung erhält. Das Spektrum ist jetzt schon weit geöffnet: Es reicht von Quirinus Kuhlmann aus dem 17. Jahrhundert bis zu Gregor Kunz, einem Dresdner Debütanten; ideal ist die Konstellation, daß ein junger Dichter, zum Beispiel Thomas Böhme, geboren 1955 in Leipzig, seine Lieblingsgedichte von Stefan George herausgibt.

Wer mag, kann nachlesen, wie und warum sich die Formen geändert haben, wann und auf welche Weise die Inhalte sich ähnlich geblieben sind. Das ist natürlich Arbeit, aber sie bereitet auch Vergnügen. Was hat Mörikes „Heimweh“ mit dem „Heimweh“ von Frank-Wolf Matthies zu tun? Wo berührt sich der „Schnee“ des georgischen Dichters Tabidse (eine Entdeckung!) mit dem schwarzen Schnee des Gregor Kunz? Wie wurden, wie werden Metaphern gebraucht, und wie verändert sich ihre Bedeutung in verschiedenen Kulturen? Wann, wo und auf welche Weise sprechen Gedichte nicht mehr von Natur, sondern von Landschaft, und gibt es einen Weg zurück von der Landschaft zur Natur? Warum wird so viel von „Abreise“, „Abschied“, „Ferne“ geredet – und so wenig von „Eintreffen“, „Ankunft“, „Nähe“? Ein Netzwerk der Korrespondenzen, Verweise, Echos tut sich auf, eine Synchronizität der Wahrnehmungen, die geeignet ist, den Verstand zu schärfen und die Sensibilität auf die Probe zu stellen.

Kurzum, die schmalen Poesiehefte von Poet’s Corner, die, ohne aufzutragen, hinter der Brieftasche Platz haben, sind ein gutes Antidot gegen die Prosa der Besserwisser, larmoyanten Kulturverächter und langweiligen Muskelprotze einer neuen realistischen Literatur. Man kann sie, in der Gegenrichtung sitzend, in der U-Bahn lesen, unter der Schulbank, in der freien Natur, wenn einem die richtigen Worte für den Sonnenuntergang nicht einfallen. Man sollte sie an allen Kiosken kaufen können.

•Poet’s Corner

Lyrikreihe; 1. Eduard Mörike; 2. Li Tai-peh; 3. Elke Erb; 4. Francesco Petrarca; 5. Quirinus Kuhlmann; 6. Galaktion Tabidse; 7. August Stramm; 8. Ossip Mandelstam; 9. Papuscha; 10. Frank-Wolf Matthies; 11. Lars Gustafsson; 12. Friedrich Leopold Graf Stolberg; 13. Stefan George; 14. Gregor Kunz; 15. Endre Kukorelly; Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, Berlin 1992; je 48 S., je 9,80 DM