Von Elke von Radziewsky

Karen studiert Film an der Hamburger Hochschule für bildende Künste. 1989 hat sie begonnen. Zwischendurch war sie an der Städelschule in Frankfurt, auch in den Vereinigten Staaten. Sie arbeitet zielstrebig, im Augenblick an einem Dokumentarfilm.

Zur Schule geht sie selten, erzählt sie. Für sie gebe es dort nichts zu lernen. Filmtheorie, Filmgeschichte werde kaum angeboten. So Entscheidendes wie Lichtführung nur zufällig. Sie vermißt Grundsätzliches. Und Ästhetik, Philosophie, die Angebote aus dem interdisziplinären Fachbereich hört sie sich nicht mehr an. Sicher, der Lingner erkläre den Luhmann nicht schlecht. Aber wenn nur einer im Seminar mit Zwischenfragen anfange, dann höre das Gequatsche nicht mehr auf, und man könne die Stunde vergessen. Karen hat sich außerhalb der Hochschule ihr Studium selbst organisiert. Sie ist eine von vielen Studenten, die sich von der Hochschule abgekoppelt haben.

Wozu braucht sie die Schule überhaupt? Um Material zu bekommen. Die Filmrollen. Oder den Schlüssel fürs Labor, wenn sie nachts arbeiten will. Was sagt sie zu den Querelen um die Hochschulpräsidentin Adrienne Goehler? "Das. Das ist so ein Streit zwischen ein paar Lehrern in der Freien Kunst und der Präsidentin. Die werfen ihr vor, daß sie nichts von Kunst versteht. Tut sie auch nicht. Braucht sie auch nicht." Karen ist das vollkommen gleichgültig.

Was die Studentin kaltläßt, beschäftigt unterdessen die Hamburger Wissenschaftsbehörde, nachdem die Schule mit ihren hausinternen Krächen in die Zeitungen geraten ist. Gegen Adrienne Goehler läuft ein Disziplinarverfahren. Es soll klären, wie groß der Schaden ist, den sie an der Akademie anrichtet. Oder, ob es überhaupt einer ist. Gibt es da überhaupt noch etwas zu beschädigen? Die Hamburger Hochschule ist öffentlich sichtbar aus dem Gleichgewicht geraten. Ein Grund, sie näher anzuschauen. Immerhin ist es die neben Berlin und Düsseldorf renommierteste der deutschen Kunstakademien.

Dramatisch ist der Fall Goehler, wenn Franz Erhard Walther, seit einundzwanzig Jahren Kunstprofessor am Lerchenfeld, den katastrophalen Zustand der Schule schildert. Die Goehler hat das Arbeitsklima vergiftet. Seine besten Kollegen, Kosuth, Polke, Dan Graham sind vergrault. Unsensibel pfuscht die politische Karrieristin im empfindlichen künstlerischen Lehrbetrieb herum. Maßt sich Kompetenzen an, richtet überhaupt zugrunde, wofür Franz Erhard Walther gekämpft hat.

Unüberhörbar ist die persönliche Kränkung. Der erfolgreiche Professor – und eine jüngere Frau als Vorgesetzte? Das wäre zu simpel. Hier geht es um Grundsätzliches: Die habe von der Behörde den Auftrag bekommen, "eine anarchische Akademie als Klippschule abzuliefern", kommentiert Georg Jappe, Theorielehrer im Interdisziplinären Fachbereich.