Von Wolfgang Hoffmann

Schon beim Empfang in der deutschen Botschaft war sich Sergej Nikolajewitsch Krasawtschenko, Präsidiumsmitglied im Obersten Sowjet, sicher: Bonn hatte ihm den Mann geschickt, den er suchte. Damals, im Frühjahr 1992, war Wolfgang Kartte noch Präsident des Bundeskartellamtes; doch in Moskau traf er auf Anhieb den richtigen Ton. Er wolle "nichts verkaufen", sagte er, weder Produkte noch Ideologien.

Was der Wettbewerbsrechtler aus Berlin vortrug, hörte sich so ganz anders an als das, was die Russen bisher von ihren radikal-liberalen Beratern aus Harvard zu hören bekommen hatten. So stellte Kartte etwa die Frage, ob die einfache Übernahme des Kapitalismus für Rußland wirklich der richtige Weg sei. Auch Deutschland, Amerika und Japan, die drei erfolgreichsten Volkswirtschaften des Westens, seien nicht so sauber, wie manche meinten. Auch sie hätten ihre spezifischen Unterschiede und Fehler, sagte er und stellte fest: "Ihr braucht eure eigene russische Version." Dabei wolle er gern helfen, sie "aber nicht einreden". Dann erzählte Kartte noch die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Darin vertröstet ein Liebhaber seine Braut mit dem längst versprochenen Hochzeitstermin so lange, bis diese ihn schließlich haßt, weil sie merkt, daß er ihr immer nur etwas vorgemacht hat. "Ich möchte nicht, daß es mir so geht wie diesem Liebhaber, wenn ich Ihnen heute vormache, es ginge alles ganz schnell."

Die Entscheidung Karttes, Rußland im Auftrag des Bonner Wirtschaftsministers, jedoch völlig unabhängig, beim ökonomischen Umbau zu beraten, hat eine Vorgeschichte. Kurz nach dem Mauerfall 1989 vereinbarte der damalige Kartellamtspräsident mit dem Rektor der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Heinrich Fink, eine Vorlesungsreihe über Marktwirtschaft. Zwei Lektionen bekam er gleich zu Beginn seiner Lehrtätigkeit.

Lektion Nummer eins ereilte ihn im Treppenhaus der Universität. Dort steht in dicken Lettern die elfte These von Karl Marx in seinem Disput mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern." Der Jurist, über das Wettbewerbsrecht zum überzeugten Marktwirtschaftler geworden, macht sich schlagartig klar, daß es heute im Osten aufs Handeln ankommt, nicht "aufs Schwätzen".

Lektion Nummer zwei: Bei seiner zweiten oder dritten Vorlesung setzte sich eine kleine stumme Prozession von etwa einem Dutzend Studenten in Marsch; jeder legte ihm eine rote Rose aufs Pult. In der Pause erfuhr Kartte, warum: "Sie sind der erste, der uns das Gefühl gegeben hat, daß nicht alles Scheiße war, was wir in vierzig Jahren gemacht haben." In dem Augenblick wurde ihm bewußt, "welche Fehler wir machen können, wenn wir nicht auch die psychologische Situation der vom Zusammenbruch betroffenen Menschen berücksichtigen und nur als Besserwisser auftreten".

Diese Erkenntnis prägt auch seine Arbeit in Moskau. Seit gut einem halben Jahr hat Pensionär Kartte nun ein Büro in der Berliner Außenstelle des Wirtschaftsministeriums und eines im Moskauer Weißen Haus, dem Sitz des russischen Parlaments. Als Moskau Bonn den Wunsch nach einem deutschen Berater antrug, erinnerte man sich im Wirtschaftsministerium, daß der Kartellamtspräsident in Kürze pensioniert werden würde. Und Kartte selbst sorgte sich ohnehin seit längerem, wie er "den tiefen Fall in die Freizeit" auffangen könnte. Ohne Zögern griff er zu.