Von Annette Rogalla

Die einen haben die Reichskriegsflagge gehißt, die anderen den schwarzen Stern auf rotem Grund. Die einen wohnen in der Oberstadt, wo die Schlafpaletten der Arbeiterklasse in Fünferreihen hintereinanderstehen. Die anderen sind unten in den verwinkelten Gassen der Innenstadt zu Hause. Die oben stylen sich täglich auf, schmieren Gel ins Haar oder fönen es glatt, ziehen fesche Shirts an und drüber die glänzenden Bomberjacken. Die unten laufen mit Zottelhaaren und abgewetzten Jeans. Wehe, einer von den „Zecken“ aus der Innenstadt betritt feindliches Territorium. Wehe, einer von den „Rechten“ aus der Oberstadt verläuft sich in die Innenstadt. Weimar – für Jugendliche eine geteilte Stadt im vereinten Deutschland.

Unten in der Innenstadt, wo sich jährlich mehr als drei Millionen Besucher drängeln, um dem Geist der Klassik und der Weimarer Republik nachzuspüren, halten Ulli, René und acht andere das Haus mit dem Anarcho-Stern besetzt. „Seid laut und frech und wunderbar“, haben sie an die Hauswand gesprüht.

„Am liebsten würde ich noch ein Schild aufhängen: Hier endet die BRD.“ René, 22, arbeitsloser Maurer mit lauter Falten um die Augen, führt durch die Baustelle. Im Hausflur stapeln sich Zementsäcke und Kabelrollen, die kaputten Fenster sind notdürftig mit Plastikfolie abgespannt. Eiskalt fegt der Wind durchs Treppenhaus. „Keine Sorge“, sagt René und breitet die Arme aus: „Vor dem ersten Schnee kriegen wir die Hütte noch winterfest. Und ein bißchen frieren schadet nicht.“

Neun junge Männer und eine Frau leben auf dem Bau, niemand ist älter als 22. Bis auf drei gehen alle arbeiten; Ulli, gerade achtzehn, hat sich entschlossen, das Abitur nachzumachen. Die elf jungen Leute teilen sich Küche und Klo, ein Bad gibt es nicht; vier Zimmer lassen sich mit Kohleöfen heizen. Vor zwei Jahren haben sie die Anarcho-Fahne auf dem Dach der Gerberstraße 3 hochgezogen.

Es gibt nichts, was Besucher aus der historienbeladenen Innenstadt in die Plattensiedlung Ober-Weimar locken könnte. So bleibt das Haus am Dichterweg Fremden meist verborgen. Flach und langgestreckt liegt der grobverputzte Bau in der Landschaft, halb schon im Wald versteckt. Fast eine Ruine. Keine Fensterscheiben, keine Türen, weder Wasser- noch Stromleitungen. Eine Grillstelle vor dem Haus läßt an Lagerfeuer und Bierabend denken.

„Darf ich vorstellen, unser Klub.“ Daniel, sechzehn, genießt es, wenn Besucher verdutzt gucken. In diesem abgewrackten Haus trifft sich also die örtliche Neonazi-Szene? Hierher sollen Führer der rechtsradikalen Szene aus dem Westen anreisen und Jugendliche agitieren? Ein lausiger Platz, den Daniel und seine Freunde dennoch „niemals hergeben“ wollen. „Das ist unser Haus, unsere Antwort auf die Zeckenbrut von der Gerberstraße. Wir wollen Geld vom Staat, genauso wie die Wir bauen unser Haus auf, genauso wie die. Ein Stadtteilzentrum soll es werden – für alle, die hier wohnen.“ Über dem ehemaligen Hundeheim von Weimar weht die Reichskriegsflagge. Eine Provokation, wie die Anarchistenfahne in der Innenstadt ein Sinnbild des Protests; es sind die Symbole der Polarisierung unter den Jugendlichen im deutschen Osten.

Weimar ist unter den Jugendlichen aufgeteilt. Im Februar 1990 präsentierten sich Jugendliche, die in den letzten Monaten der DDR eine Underground-Kunst-Zeitschrift in Kleinstauflage herausgegeben hatten, der Öffentlichkeit in einem ehemaligen FDJ-Jugendklub. Drei Tage lang feierten sie, diskutierten und riefen nach einer neuen Jugendkultur. „Dann wollten wir praktisch werden, sind in die Gerberstraße gegangen, haben die Tür aufgebrochen und hatten unser Alternativ-Kultur-Zentrum.“ Martin Bretfeld, heute Mitglied des Stadtjugendausschusses, gehörte damals zu den ersten Besetzern. In der Anfangszeit lagerten die Aktivisten auf Matratzen. Sie waren aus den unterschiedlichsten Gründen gekommen. Einige waren zu Hause ausgebüchst und suchten bloß eine Bleibe. Anderen stand der Sinn nach Experimenten, sie suchten nach dem sinnerfüllten Leben in der großen Wohngemeinschaft. „Linke“ nannten sie sich damals nur, weil sie nicht „rechts“ sein wollten. „Irgendwo hatten wir einen alternativen Touch – mehr war da nicht“, sagt Martin Bretfeld.

Die Gerberstraße 3 ist ein Haus von klassizistischer Schnörkellosigkeit, das 1826 von einem Mann namens August Schraube gekauft wurde. In der Goldgießerei im Erdgeschoß entstanden Kronleuchter und Türgriffe für das Weimarer Schloß.

Als Martin und René kamen, zogen sie in ein Haus, das nach einem Schornsteinbrand mehr als zehn Jahre leergestanden hatte. Die Feuerwehr hatte damals gründliche Arbeit geleistet und viel Wasser hineingepumpt, an einigen Stellen hängt die Decke noch heute wie zerfetzte Tapete herab. Im ersten Stock bauten die Besetzer eine Gemeinschaftsküche. Ein ovaler Versammlungstisch, eine selbstgezimmerte Holzbank, Elektroherd, Spülmaschine und Ökowaschmaschine gehörten zur Erstausstattung. Im Parterre entstand eine Kneipe: Tresen, Bänke, Ton-Anlage, Bühne. Zwei Sommer lang fast jede Nacht Musik live: Punk und Reggae bis zum Sonnenaufgang. In der Gerber kam die Welt zusammen: Pogo aus Moskau, Under the Gun aus London, Die Küchenspione als örtliche Formation. Jeden Abend Spaß und Fun, Eintritt drei Mark. Das Publikum eilte scharenweise herbei.

Seit drei Monaten ist die Kneipe dicht. Sie wird umgebaut. Bundesjugendministerin Angela Merkel hat das Projekt im Oktober in das „Aktionsprogramm gegen Gewalt“ aufgenommen und wird es mit jährlich rund 75 000 Mark fördern. Seit dem Besuch der Ministerin will sich plötzlich auch die Stadt Weimar an den Umbaukosten beteiligen.

Die Gerber war das erste Projekt, mit dem Jugendliche in Weimar nach der Wende versuchten, ihr Leben grundsätzlich zu verändern. Begreifen sie sich als Linke, als Utopisten? Renés Hände verschränken sich: „Typische Wessi-Frage. Wir sind keine Aussteiger, wir sind auch keine Staatsverweigerer. Wir wollen einfach nicht mehr mitspielen, wir stellen uns quer.“ Alles, was nach Ideologie riecht, lehnen sie ab. Und trotzdem suchen sie mehr als nur einen geregelten Tagesablauf und Arbeitsvertrag mit Anspruch auf Urlaubsgeld. René zum Beispiel, der mit neunzehn von zu Hause auszog und das Ende der DDR in Berlin erlebte, sucht in der Gruppe Geborgenheit. Er möchte aus der Gerberstraße mehr machen als nur eine florierende Kneipe. Sein Traum ist ein Kulturzentrum. Wenn das Haus instandgesetzt ist, sollen Filme gezeigt werden, freie Theatergruppen spielen, Bands kommen. „Hier kann jeder zeigen, was er kann.“ Ein alternativer Treffpunkt soll die Gerberstraße werden. Ein offenes Haus im Besitz seines Bewohnerkollektivs, ohne Chef, weil es nach dem rigiden DDR-Leben keinen Chef mehr geben darf. Statt dessen sind wichtig: Improvisation, ein hohes Maß an Konfliktbereitschaft und Stehvermögen. Zwei Parolen prägen das Leben in der Gerber: Keine Macht für niemand. Und: Allein machen sie dich ein.

Drei Kilometer von der Gerberstraße entfernt liegt das Haus am Dichterweg. An sonnigen Tagen treffen sich hier rund dreißig Kids, alle jünger als zwanzig. Adrette Jungs und Mädchen, brave Kinder unter wehender Reichskriegsflagge. Jetzt, im Frühwinter, bei Kälte und Nässe, trifft sich der harte Kern der Gruppe nach der Schule am Haus. Thomas, Pickel und Daniel, alle sechzehn Jahre alt, kommen jeden Nachmittag. Dann fegen sie den Vorplatz sauber und kratzen Laub aus dem Blumenbeet.

Weimar, sagen sie, sei lediglich für Touristen ein liebenswerter Ort. Für die Jugendlichen ist die Stadt bloß – und darin unterscheiden sich Dichterweg und Gerberstraße ausnahmsweise nicht – ein herausgeputztes Museum. „Für uns wird nichts getan“, mault Thomas. Was fehlt? „Diskos, Spielautomaten, Kinos, Klubs.“ Pickel und Daniel nicken. Sie wollen Unterhaltung und Apparate, um gegen die Langeweile anzuspielen.

Und die Gerberstraße? „Das sind doch Zecken, blöde linke Spinner. Die sind eklig, dreckig und kiffen. Das sind Undeutsche.“ Was zeichnet einen Deutschen aus? „Sauberkeit, Ordnung, Disziplin.“ Wer diese Werte nicht schätzt, muß ein Linker sein, eine „Zecke“.

Thomas ist schon zu DDR-Zeiten durch rechte Reden aufgefallen, angestiftet von seinem älteren Bruder Thorsten, heute 22 Jahre alt. Der brachte vor fünf Jahren Kassetten der rechten Kultband Böhse Onkelz aus Berlin mit. Thomas war elf, als er den Song „Frankreich 84“ hörte, geschrieben zur Fußballweltmeisterschaft 1984: „So fahren wir nach Frankreich, um die Nation siegen zu sehen und für unser Land geradezustehen.“ Den Text kann er noch heute aufsagen. Damals zahlte Thomas’ Bruder 150 DDR-Mark für die aus West-Berlin herübergeschmuggelte Kassette. Heute verdient Thorsten selber am Geschäft mit dem Rechtsrock. Er ist einer der größten Konzertveranstalter für rechte Rockkonzerte in den neuen Bundesländern. Den Gewinn hat er in ein Videogeschäft investiert, mittlerweile ist es das größte in Weimar. Unter der Rubrik „Wissen auf Video“ stehen verschiedene Epochen der jüngeren deutschen Geschichte direkt nebeneinander: „Kurt Masur und der 9. Oktober in Leipzig“ neben „Eva Braun – die Geschichte des Aufstiegs einer kleinen Verkäuferin zur verrufensten Frau Deutschlands“.

Langsam, Schritt für Schritt, ist Thorstens kleiner Bruder Thomas ein Rechter geworden. Aus Berlin brachte Thorsten damals neben den rechten Musikkassetten auch Flugblätter rechtsradikaler Organisationen mit, ebenfalls geschmuggelt. Bis heute kann Thomas zu Hause nur mit dem Bruder über Politik reden, die Eltern verweigern sich ihm: „Mein Vater ist so ’n Liberaler. War früher Berufsschullehrer, arbeitet heute in der Gedenkstätte Buchenwald. Der findet den Zweiten Weltkrieg von vorn bis hinten Scheiße. Sonst“, sagt Thomas, „verstehe ich mich gut mit den Eltern.“ Die Familie gehört nicht zu den Verlierern der Vereinigung. Zwei Mittelklasseautos stehen vor der Tür, Thomas bekommt 200 Mark Taschengeld im Monat, im Schrank hängen drei Bomberjacken, eine grüne, eine blaue und eine orangefarbene. Auch die Kumpels aus der Clique leben in stabilen Familienverhältnissen. Die meisten besuchen die zehnte Klasse einer Hauptschule, einer geht aufs Gymnasium, drei lernen einen Beruf. Trotzdem wirken die Feindbilder in ihren Köpfen wie zementiert: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns; wer nicht rechts ist, ist links; Zigeuner klauen; Russen stinken.

Kay, achtzehn, und Jens, sechszehn, wohnen beinahe in Sichtweite des besetzten Hauses am Dichterweg. Mit ihrer Mutter teilen sie eine moderne Dreiraumwohnung. Die Mutter schläft im Wohnzimmer. Jedes der beiden Kinder soll ein eigenes Zimmer haben. Die Mutter arbeitet im Schichtdienst bei der örtlichen Sparkasse. Sie hat Verständnis für die Deutschland-den-Deutschen-Parolen ihrer Söhne. Solange die Jungen nicht wieder als neonazistische Schläger nach Hause kommen, will sie sich nicht beklagen. Sie hebt an zu einer kleinen Rede: „Die Jungs sind Deutsche, und das sollen sie sein. Das ist gut. Sie sind rechts, weil sie sagen: Wir sind stolz, Deutsche zu sein. Was ist schlimm daran? Meine Kinder waren nie für die SED. Ja, sie sind bei den Pionieren gewesen, da ging der Tag von sieben bis sieben. Nach der Schule sind sie zweimal in der Woche zu den jungen Pionieren gegangen. Da haben sie gebastelt oder das Schloß besichtigt. An den drei anderen Tagen hatten sie Sport. Da waren sie von der Straße. Jetzt laufen sie zum Dichterweg. Das ist doch gut, da hängen sie nicht auf der Straße herum. Ich habe ihnen sogar geholfen, aufzuräumen. Ich bin jetzt 55, mein Leben geht zu Ende. Für mich ist es zu spät. Was habe ich bislang gehabt vom Leben? Ich habe zehn geschlagene Jahre auf einen Farbfernseher gewartet, fünfzehn Jahre habe ich für einen Gefrierschrank gebraucht. Das war alles, was ich erreichen konnte in meinem Leben. Die Kinder sollen eine ordentliche Zukunft haben. Aber wenn jetzt Millionen Ausländer kommen, wo haben sie denn eine Zukunft als Deutsche? Und gespart wird bei uns Kleinen. Die Politiker sollen doch mal ihr Geld für die Neger geben. Das ist wie früher bei uns: Die Großen leben in Saus und Braus, wir Kleinen sollen zahlen. Wir haben doch schon die Russen durchfüttern müssen. Die gehen ja jetzt. Die Welt ist so riesengroß, da kann doch jeder bei sich bleiben und seins aufbauen. Also, anders als ich denken Kay und Jens auch nicht. Wir haben immer ein gutes Verhältnis gehabt. Können über alles reden. Anfangs habe ich ja geschimpft, als sie sich prügeln gingen. Aber das ist jetzt nicht mehr. Sie sind gute Söhne. Ich bin stolz auf meine Kinder.“

Und nach einer Pause sagt die Mutter von Kay und Jens noch: „Das wichtigste an der Einheit ist doch die Meinungsfreiheit, oder?“

Kay, Jens, Thomas, Pickel, Daniel und noch ein paar Dutzend Jugendliche – sie sind die Besetzerclique vom Dichterweg. Und die Gruppe in der Gerberstraße zählt auch nicht mehr Köpfe. Aber der Konflikt zwischen beiden Szenen prägt das Klima unter den Jugendlichen der Stadt; Dichterweg und Gerberstraße – das sind die Pole, von denen Weimars Jugendliche sich angezogen fühlen; dort werden die Werte vermittelt, an denen Jugendliche sich orientieren; dort leben die Idole.

Und so kann jede Clique, wenn’s hart auf hart kommt, schnell bis zu zwei-, dreihundert Jungs und Mädels mobilisieren. Zum Beispiel, wenn mal wieder gezeigt werden muß, wo die Front verläuft.

Begonnen hat der Jugendkrieg im April 1990. Da zogen rund hundert Rechtsradikale zum ersten Mal vor die Gerberstraße. Steine und Molotowcocktails flogen. Die Bewohner der Gerber konterten prompt. Am 14. Juli, die Bundesrepublik hatte gerade die Fußballweltmeisterschaft gewonnen, kam es zur nächsten Schlacht. Diesmal marschierten 200 Rechte vor der Gerber auf. Ihnen standen etwa ebenso viele Linke gegenüber. Wieder flogen Steine und Brandsätze. Am 3. Oktober 1990 die dritte schwere Randalfe: Ein Rechter verlor ein Auge, ausgeschlagen von einem Stein.

Schlägereien brauchen keinen Anlaß. „Sobald Reviere verletzt werden, kann es losgehen“, sagt Martin Bretfeld, der Exbesetzer aus der Gerber. Die schlimmste Nacht hatte er im Oktober letzten Jahres, als ein Molotowcocktail in seine Wohnung geschleudert wurde. Niemand wurde verletzt. Aber was geschieht, fragte sich Martin nun, wenn bei einem Angriff mal jemand stirbt? „Wir hatten vor uns selber Angst und boten den Rechten Gespräche an.“ Jede Gruppe entsandte drei Emissäre zu diplomatischen Verhandlungen. Man traf sich in einer Kneipe und besprach „Mißverständnisse“. Heraus kam ein Stillhalteabkommen. Mollies wurden zu geächteten Waffen bei Prügeleien zwischen Rechten und Linken erklärt. Noch bevor die Politiker sich trauten, zu beiden Gruppen Kontakt aufzunehmen, hatten die sich auf einen Brandwaffensperrvertrag geeinigt. Die Gewalt schien eingedämmt.

Aber unter Weimars knapp 58 000 Einwohnern sind 280 Ausländer. Sie wohnen in drei eingezäunten Neubauten an der Ausfallstraße nach Norden. Es sind Vertragsarbeiter der Ex-DDR, Männer und Frauen aus Mosambik, Vietnam und Kuba. Viermal wurden ihre Häuser in den vergangenen anderthalb Jahren angegriffen. Bei der letzten Festnahme jugendlicher Glatzköpfe stellte die Polizei Wurf Sterne, Pistolen und Totschläger sicher. Wie viele rassistische Straftaten in den vergangenen zwei Jahren begangen wurden, weiß niemand genau zu sagen. Die Polizei sagt, sie führe keine Statistik. Ralph Kettel, der Geschäftsführer der Fraktion Grüne/Unabhängiger Frauenverband/Neues Forum im Stadtparlament, arbeitet deshalb an einer „Chronik der Gewalt“ für Weimar. Bislang hat er etwa 200 Vorfälle rekonstruiert. Die Palette reicht von Beschimpfungen bis zum Schuß aus der Gaspistole. Das Opfer des Pistoleros war ein Jemenite. Zwei Zentimeter von der Schläfe entfernt, drückte der Täter ab. Er wurde kürzlich samt Komplizen verurteilt: Jugendstrafen zwischen einer und zwei Wochen. Der Bürgerrechtler Ralph Kettel bezweifelt sogar, daß die wahren Täter vor Gericht standen: „Die Rechten schaffen es immer wieder, die jüngsten aus der Gruppe als Hauptschuldige hinzustellen. Die Kleinen nehmen so eine Sache als Bewährungsprobe für die Gruppe auf sich.“ Je jünger der Täter, desto geringer die Strafe.

„Gewalt ist nicht direkt unser Ding“, sagt Daniel, der Wortführer der Dichterweg-Gruppe. „Aber wenn die Linken pöbeln, dann wehren wir uns.“ Manchmal reicht schon eine Bemerkung. „Neulich in der Schillerstraße, da riefen die Zecken hinter uns her: ‚Nazi, Nazi!‘ Denen haben wir höllisch eingeheizt“, sagt Daniel. Viele Mitglieder der verfeindeten Gruppen kennen sich aus harmonischeren DDR-Tagen, waren sogar einmal miteinander befreundet, schwammen im selben Klub oder liefen nebeneinander auf der Aschenbahn. Die Sportvereine waren die ersten, die nach der Wende eingingen. Die Jugendlichen suchten Ersatz. Sie trafen sich an der Bushaltestelle oder in bestimmten Kneipen. Warum wurden die einen „links“ und die anderen „rechts“? „Da war viel Zufall im Spiel: Wen triffst du, wem glaubst du, wem, was willst du glauben?“ sagt Martin Bretfeld.

Die Jugendlichen vom Dichterweg finden ihre Vorbilder im direkten Lebensumfeld. Es sind ihre älteren Brüder und deren Freunde. Bereits in sozialistischer Zeit haben sie ihnen den Weg gewiesen. Zum Beispiel Thorsten, der seinem kleinen Bruder Thomas die aus dem Westen geschmuggelten Rechts-Flugblätter mitbrachte. Oder Thomas Dienel, der mit 29 bereits zu den Senioren gehört und vor der Wende im Weimarer Stadtausschuß der Nationalen Front saß sowie Vorsitzender des Wohnbezirksausschusses war, bevor er die NPD Thüringen mitgründete. Oder auch Ralf, der 22jährige Exskinhead, mit dem die Jungs vom Dichterweg einst bei der halbmilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik durch die Sandkuhlen robbten. Ralf lehrte sie schießen und Übungsgranaten werfen.

Auch für die postsozialistische Zeit eignen sich die drei als Vorbilder für bürgerliche Karrieren. Thomas Dienel besitzt inzwischen zwei Gaststätten in Weimar, die sich zu Zentren der Rechtsradikalen entwickeln. Thorsten veranstaltet mit viel Erfolg Konzerte. Und der ehemals gewalttätige und kahlgeschorene Ralf hat sich zum Yuppie gemausert: stufig geschnittene Haare, feiner Anzug, um den Hals baumelt ein Mickey-Mouse-Schlips. Ein Versicherungsvertreter aus dem Bilderbuch. Zum Feierabend lädt er die Jungen vom Dichterweg zum Billardspielen ein oder gibt eine Schachtel Zigaretten aus.

Kay, Thomas und die anderen verehren ihn, als wäre er der Sponsor ihres Fußballvereins. Sie hoffen, von seinen Kontakten profitieren zu können. Kay: „Ralph will mir ’ne große Chance geben. Ich soll nebenbei für ihn Versicherungen verkaufen.“ Als Feinmechanikerlehrling im zweiten Jahr verdient Kay 500 Mark. Die gibt er seiner Mutter.

Zwei-, dreihundert Mark mehr würde er schon gerne in die Haushaltskasse stecken. Thorsten, der Rechtsrock-Veranstalter, vermittelt die Kontakte zur regionalen und nationalen Führungsriege der Rechtsradikalen. Am Rande eines Neo-Nazi-Treffens stärkte sich Heinz Reisz, von den Freunden Nero genannt, am Dichterweg-Klub mit Bier und Thüringer Bratwurst. Nebenbei verteilte er Propagandamaterial. Mit Leuchtstift waren die Hinweise auf Literatur markiert, welche die Jugendlichen lesen sollten. Reisz, im hessischen Langen zu Hause, ist eine wichtige Figur in der Neonazi-Szene. Ein Einpeitscher mit wechselnden Titeln und Mitgliedschaften: Propagandabeauftragter der NPD, Mitglied der FAP und der verbotenen rassistischen Nationalen Sammlung in Hessen. Neben Reisz hat auch Roman Danneberg aus Hoyerswerda, der Landesvorsitzende der Deutschen Alternative (DA), die Dichterweg-Gruppe schon besucht.

Wie gut die Jungen ihre politische Lektion lernen, führt der fünfzehnjährige Sven vor. Auf die Frage, was ihm die deutsch-deutsche Vereinigung bedeute, antwortet er: „Für mich ist die Wiedervereinigung lediglich ein Zusammenschluß der sowjetisch besetzten Zone mit der Trizone.“ Sven meint „Deutschland in den Grenzen von 1939“, wenn er vom „ganzen deutschen Volk“ schwärmt, meint „auch die, die einen polnischen Paß besitzen. Ich erkenne den Polen-Vertrag nicht an.“ Weiter kommt er nicht. Bevor Sven erklären kann, wie sein politischer Kampf aussieht, schaltet sich Kay ein: „Das hat nichts mit dem Klub zu tun und paßt hier nicht her.“ Rechte Jung-Männer wissen im rechten Moment den Mund zu halten, schließlich muß ihr besetztes Haus noch legalisiert werden.

Es war Thomas, der schmächtige Junge mit den teuren T-Shirts, der die Reichskriegsflagge am Haus aufgezogen hat. Zuvor war er mit Freunden durch Weimar gelaufen und hatte „Deutschland, einzig Deutschland“ an die Wände geschmiert. Sein politisches Erweckungserlebnis, das waren die Montagsdemonstrationen im Herbst 1989. Überall schwarzrotgoldene Flaggen, vom Volk war die Rede, vom Vaterland, vom einig Vaterland, und da hat dann auch Thomas „etwas gefühlt. Ich dachte, ich muß etwas tun für Deutschland.“

Vorerst sieht Thomas seine Aufgabe im Aufbau der Ruine. Aus dem Dichterweg will er einen Treffpunkt für die Nachbarschaft machen, mit Kaffeestube. Zutritt haben ausschließlich Deutsche. Ein Türke oder Rumäne darf nicht hinein. Jens droht: „Reinkommen mag er zwar. Aber ob man ihn beim Rausgehen noch wiedererkennt – wer weiß.“

Und Jens, der Abiturient, wie sieht er sich in zehn Jahren durch Weimar spazieren? „Ich werde Bankdirektor sein, bei der Deutschen Bank, habe eine Frau und zwei Kinder und fahre ’nen Porsche oder ’nen Benz.“ Urlaub macht Jens am liebsten in Spanien, „wegen des deutschen Essens“. Kay und Pickel fragen nach: „Du kennst doch gar nicht Deutschland, wieso fährst du dann weg?“ Pickel mag nicht ins Ausland reisen? „Ey, Deutschland ist Kult.“ Warum? „Weil wir das verstehen. Das ist wie die Musik. Ich steh’ auf Störkraft, Werwolf und die Böhsen Onkelz, weil ich die Texte kapier’.“ Hauptsache deutsch.

Natürlich finden die „Zecken“ aus der Gerberstraße den Deutschwahn vom Dichterweg „total bekloppt“. Die Jugendlichen aus der Gerberstraße haben ihre Probleme mit Deutschland, auch mit dem neuen Deutschland, das über sie gekommen ist. Für René, den arbeitslosen Maurer, erschöpfen sich die Vorzüge der neuen Gesellschaftsordnung in der Vielfalt bei den Brötchen und bei Müsli. Und was bedeutet ihm die Demokratie? Lange Pause. „Ehrlich, hab’ ich noch nicht so genau drüber nachgedacht.“ Warum lebt er gerne auf einer Schutthalde, die er sein Haus nennt? „Weil man aus Schutt und Asche was Neues machen kann. Wenn man in etwas hineinkommt, das schön und ganz ist, dann sollte man wissen: Das Heile wird als nächstes Schutt und Asche.“

Wenn René sich einen Moment lang zehn Jahre in die Zukunft träumt, dann sieht er sich als Kulturmanager in Weimar lebend, an seiner Seite eine Frau, die er nicht zu heiraten gedenkt, weil „die Ehe einfach überholt ist“. Vielleicht hat er dann ein Kind. Auf alle Fälle aber fährt er Motorrad. In einigen Jahren will René „mal mit der Kawa durch Afrika fahren, um zu gucken, wie die leben“. Der Traum vom kleinen Glück – den träumen René, Ulli, Jary und die anderen aus der Gerber genauso wie Thomas, Sven, Pickel und ihre rechten Freunde vom Dichterweg.

Um die verfeindeten Jugendszenen in zehn Jahren im kleinen Glück vereinen zu können, müht sich die Stadt Weimar heute, die radikalisierten Kids nicht weiter zu isolieren. Gegen Gewalt setzt sie Gespräche. Vertreter von Kirche, Stadt, Parteien und Polizei haben sich mit den Jugendlichen am Runden Tisch getroffen. „Jeder konnte kommen, jeder durfte ausreden. Das waren die einzigen Spielregeln, die wir hatten.“ Ungewöhnliche Partner fanden sich zum Gespräch. Manchmal saß neben dem Vertreter des Landeskriminalamtes Thomas Dienel, der Lokalmatador der harten Neonazi-Szene. „Wenn es hilft, Leben zu schützen, gehe ich auch eine Art Sicherheitspartnerschaft mit Neonazis ein“, sagt Michael Hugo, der örtliche Ausländerbeauftragte.

Und vielleicht helfen ja auch die 75 000 Mark aus dem „Antigewaltprogramm“, die der Dichterweg nun jedes Jahr von der Bundesregierung erhalten wird. Vielleicht kümmern sich die Rechts-Kids um den Ausbau ihres Klubs statt um den Frontverlauf in der Stadt. Vielleicht bewahrt diese „akzeptierende Jugendarbeit“ den Dichterweg-Klub vor dem völligen Abdriften. Vielleicht.

Weil der Nichtangriffspakt zwischen den beiden Jugendszenen jeden Moment gebrochen werden könnte, ist sogar die Jugendministerin als Friedensengel nach Weimar eingeschwebt. Als Angela Merkel eintrifft, sind nirgends furchterregende Gestalten zu sehen. Schicke Jungs, in sauberen Jeans, mit gescheiteltem Haar, und gepflegte junge Damen mit dezent geschminkten Lippen warten auf ihre Ministerin. Brave Kinder unter wehender Reichstagsflagge darf sie begrüßen. „Habt ihr frei gekriegt wegen mir? Ich habe mich gefragt, ob überhaupt ein junger Mensch da ist, wenn ich morgens hier ankomme.“ Im ersten Stock des verfallenen Baus werden Holzkisten zusammengerückt. Die Ministerin bekommt einen richtigen Stuhl vor die nackte Wand. Anstelle von Glasfenstern klaffen rahmenlose Löcher. Über eine halbe Stunde sitzt die gesellige Runde im eiskalten Durchzug.

Die Ministerin fragt nach dem Alltag und erfährt, daß die meisten in der Gruppe zehn Mark Taschengeld in der Woche bekommen, daß sie selten ins Kino gehen und lieber Glotze gucken. Filme mit Romy Schneider als Sissy sehen die Mädchen am liebsten.

Angela Merkel fragt bemüht und hört interessiert zu. Die Jugendlichen sollen das Gefühl haben, daß sie „ernst genommen werden“. Angela Merkel kritisiert nicht, sucht nicht die Auseinandersetzung. „Vieles bei den Jugendlichen ist doch nur Protest, wegen ihrer Meinung darf man sie nicht abschreiben.“

Die Ministerin verabschiedet sich freundlich von den rechten Jugendlichen. „Schreibt, wenn ihr Probleme habt.“ Wegen der Reichskriegsflagge hat Angela Merkel eine Vereinbarung getroffen: Wenn die Jugendlichen mit den Bauarbeiten im Klubhaus beginnen, holen sie die Flagge ein. •