Vor einigen Jahren wurde der prominente und viel reproduzierte „Mann mit dem Goldhelm“, ein Vorzeigestück der Gemäldegalerie in Berlin-Dahlem, aus der Sammlung entfernt: Er war nicht von Rembrandt. Warum da jemand in die Schuhe des großen Meisters geschlüpft war, welche Motive der Unbekannte gehabt hatte – wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, ob der Maler überhaupt einen „Rembrandt“ malen, also fälschen wollte. Aber aufschlußreich ist es, warum das Bild – trotz des Zweifels einiger Experten – vor mehr als hundert Jahren von den Berliner Staatssammlern angekauft worden ist: Weil es dem bekannten Helm-Portrait des Eisernen Kanzlers konzeptionell so verwandt war, daß sowohl Bismarck als auch sein Portrait vom Glanze Rembrandtscher Größe erhöht wurden. Deshalb mußte das (im übrigen handwerklich gut gemachte) Bild echt sein. Es waren also ideologische, sozio-psychologisch aus dem Kontext des Wilhelminischen Zeitgeistes zu erklärende Gründe, die den (oder dem) für den Ankauf Zuständigen das kritische Urteilsvermögen verstellt hatten.

Aus einer solchermaßen verfremdeten Perspektive scheint mir der Fall des (West-)Berliner Politikprofessors Hanns-Dieter Jacobsen, der Mitte Oktober unter dem Verdacht, mehr als zwanzig Jahre für die Stasi gearbeitet zu haben, verhaftet, inzwischen gegen eine Kaution wieder freigelassen wurde, nachdenkenswert. Jacobsen wurde 1987 vom Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin zum Professor für internationale Politik, insbesondere für Ost-West-Wirtschaftsbeziehungen, berufen. Wegen seiner weithin geschätzten freundlich-zuvorkommenden Art, seiner Bereitschaft, mit allen „Lagern“ des immerhin allein mehr als vierzig Professoren zählenden Lehrpersonals zu sprechen, seinen weltläufig-diplomatischen Umgangsformen und aufgrund seines Engagements in akademischen Gremien war er in diesem Jahr zum Dekan gewählt worden: ein in jeder Hinsicht unkontroverser, beliebter Kollege.

Die Nachricht von seiner Verhaftung schlug deshalb „wie eine Bombe“ ein, vor allem bei denen, die mit ihm eng zusammengearbeitet hatten und ihn gut kannten oder, wie man jetzt wird sagen müssen, ihn gut zu kennen glaubten (nicht einmal seine Frau soll etwas von der Stasi-Mitarbeit gewußt haben). Man konnte und wollte es nicht glauben. Daß es sich aber um ein schlichtes Mißverständnis, einen der zahlreichen Fälle von unfreiwilliger und dem Verdächtigten selbst unbekannter Stasi-Verstrickung handele, das nimmt heute niemand mehr an.

Jacobsen hat, nach allem, was wir wissen, der Stasi Informationen und Material aus seinem Arbeits-Umfeld verschafft, und das mit den Methoden jenes geheimdienstlichen höheren Indianerspiels (Mikrofilme in Spraydosen), das den Protagonisten psychologisch das Gefühl des historisch Bedeutsamen, der aktiven Beteiligung am weltpolitischen Geschehen verliehen haben mag. Die „Aufwandsentschädigung“ von zuerst 600, dann 800 Mark ist wohl eher bescheiden zu nennen und dürfte kaum das Motiv der Mitarbeit gewesen sein. Darüber soll hier ohnehin nicht gerätselt werden.

Nun ist Spionage – ob gegen Bezahlung oder aus Überzeugung – bekanntlich so alt wie die Politik selbst. Im „Jahrhundert des Verrats“ (Margret Boveri), dem 20. Jahrhundert, hat sie geradezu krankhaft-epidemische Ausmaße angenommen. Im Falle Jacobsen ist es die spezifische „Ware“, die von West nach Ost geschmuggelt wurde, die zum Nachdenken zwingt: Es ist nämlich die „Ware Wissenschaft“ beziehungsweise, etwas enger, die „Ware Politikwissenschaft“. Allenfalls zweitrangig ist der heimliche Waren träger dabei von Interesse. Denn der „Fall Jacobsen“ ist ein Sündenfall der von ihm vertretenen Wissenschaft, deren Substanz und „Statur“ hier in Frage stehen. Nicht nur hatte der Beschuldigte in dieser Wissenschaft Karriere gemacht, er bewegte sich auch mit größter Selbstsicherheit und allseits akzeptiert in ihrem Zentrum, in diesem Falle dem transatlantischen akademischen Netzwerk zwischen Berlin, amerikanischen Universitäten – Harvard – und der dem Bundeskanzleramt unterstellten Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Deren langjähriger Mitarbeiter war er gewesen, ehe er die Berliner Professur bekam.