ARD, Mittwoch, 2. Dezember: "Hamburger Gift"

Tetrachlordibenzodioxin, kurz: Dioxin, ist das schärfste Gift der Welt. Arbeiter der Chemiefirma Boehringer in Ingelheim und Hamburg, wo der Stoff als Bestandteil von Pflanzenschutzmitteln entwickelt wurde, Arbeiter der Company Dow Chemical in den USA, wo das dioxinhaltige agent orange für den Einsatz in Vietnam gekocht wurde, sie und unzählige andere, die, überall auf der Welt, mit Dioxin in Berührung kamen, erkrankten an Chlorakne, Krebs und Polyneuropathien – wenn sie nicht schnell verstarben.

Die Firmenleitungen und ihre Auftraggeber – in Amerika das Pentagon – wußten um die Gefährlichkeit des Produkts und spielten sie herunter "Nicht giftiger als Aspirin", meinte man in Washington, während der vietnamesische Urwald unter der "Operation Farmgehilfe" dahinstarb und weltweit die menschlichen Opfer des Wahnsinnszeugs – Chemiewerker, Anrainer von Industriemüllkippen, vietnamesische Bauern, GIs und die Bewohner von Seveso – Gesundheit und Leben verloren. Die Verursacher mußten nicht haften, und niemand zwang sie, die Produktion rechtzeitig einzustellen. Das Verbrechen war zu groß und zu fein verteilt auf Forscher, Unternehmer, Regierungen und "den Weltmarkt", als daß sich die Schuldigen für den "größten bekannten Chemie-Versuch am Menschen" hätten fassen lassen. Die Opfer resignieren. Dioxin, sagen sie, ist ein Horrortrip von gestern, der heute niemanden mehr heiß macht.

Der Reporter Cordt Schnibben hat vor Jahr und Tag aus seinen Dioxin-Recherchen in Deutschland, USA und Vietnam eine Fortsetzungsgeschichte für den Spiegel gemacht. Jetzt folgte der Film (Regie: Horst Königstein). Die Statements und Stories von Dioxin-Kranken, Chemikern, Ärzten, Unternehmern, Politikern, Militärs hat Schnibben zu einem Drehbuch verarbeitet, das die gräßliche Geschichte des "Hamburger Giftes", des guten Geschäfts mit dem "Tod persönlich", aus vielerlei Perspektiven einkreist. Schauspieler sprechen Sätze, die so oder so ähnlich von Betroffenen gesprochen worden sind, fiktive Interview-Szenen (hervorragend: Hansi Jochmann als Reporterin) wechseln mit dezenten Spielszenen, die Einblick in Konzernspitzen und Generalstäbe verschaffen. Das Fernsehspiel soll wie eine Dokumentation wirken – bloß besser und überzeugender.

Stars des Stücks sind drei (gespielte) Opfer: ein ehemaliger Arbeiter bei Boehringer, ein Vietnam-Veteran und eine vietnamesische Lehrerin. Sie werden von der "Reporterin" befragt und erfüllen ihre Rollen so genial, wirken so elend preisgegeben im Griff der Krankheit, halten aber zugleich die Interview-Situation so diszipliniert durch, daß gewiß mancher Fernsehzuschauer die Schauspieler für "echte" Dioxin-Opfer versehen hat. Nun könnte man sagen: Egal, Hauptsache, der Skandal wird Fernsehen und damit allbekannt. Aber daß im Fernsehen Fernsehen gespielt werden muß, daß mit Fiction Fakten beschworen werden, ist ein formaler Einwand, der schwer wiegt. Es gibt einen Typ von Grauen, der kein Gesicht hat und deshalb nicht ins Fernsehen drängt – wohl aber ins gedruckte Wort, das ja immer ein Zünder ist für Vorstellungen, die sich der Leser macht. So ein Typ Grauen ist Dioxin.

Barbara Sichtermann